Witting, Felix
Die Anfänge christlicher Architektur: Gedanken über Wesen und Entstehung der christlichen Basilika — Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Band 10: Straßburg: Heitz, 1902

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VORCHRISTLICHE TEMPELANLAGEN

ur im antiken Profanbau liegen die Gebilde, an die die
christliche Architektur anknüpfen konnte, erklärt Strzy-
gowski in seiner letzten Aeusserung über die Herkunft des
christlichen Kultgebäudes.1 Wir haben im Vorhergehenden gesehen,
wie weit die profane Architektur zur Beantwortung dieser Frage einen
Beitrag zu liefern vermag. Schon dies Resultat sollte dazu anregen,
auch die sakralen Bauten der vorchristlichen Zeit nicht äusser Acht zu
lassen, zumal wenn wir bedenken, wie das Moment der engen Relation
des Menschen zu einer Erscheinung ihm gegenüber hier eher seinen
Ausdruck finden kann, als es im Bereich des freiem profanen Verkehrs
zu erwarten steht. —
Hier müsste an erster Stelle die Verwandtschaft zur Sprache
kommen, welche die sakralen Bauten Aegyptens mit der christ-
lichen Basilika aufweisen. Schon die Gesamtanlage im Grossen dieser
Palasttempel mit ihrem Hintereinander von offenem länglichem Vor-
hof, grossem Hypostyl und sich anschliessenden hintern Gemächern
erinnert an den Komplex einer entwickelten altchristlichen Basilika
mit Vorhalle, Atrium, Narthex, Langhaus und Chorpartie. Aber man
stosst auf noch frappantere Aehnlichkeiten. Wer den aus dem alten
Reich stammenden sog. Sphinxtempel im Grundriss betrachtet, glaubt
eine christliche Basilika mit Querschiff vor sich zu sehen.2 Allein
im Aufbau bereits stellt sich eine Differenz heraus. Zwar zeigt das
Langhaus dreischiffige Teilung, indes ohne Ueberhöhung des mittleren
Teiles, die Steindecke spannt sich einheitlich über den ganzen Raum ;
das Querschiff sodann zeigt im Unterschied von dem der christlichen


1 Orient oder Rom, Lpzg. 1901, S. 10.
2 Aufn. bei Perrot-Chipiez, histoire de l’Art, i’Egypte.
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