Zahn, Wilhelm
Die schönsten Ornamente und merkwürdigsten Gemälde aus Pompeji, Herculanum und Stabiae: nach einigen Grundrissen und Ansichten nach den an Ort und Stelle gemachten Originalzeichnungen (Band 2) — Berlin, 1842/​1844

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III. Heft.

21. JTompeji 1840. Die Hören des Frühlings und des Sommers, in der Grösse der Originale, ausgegraben in der Strada de' Mercadanti, in einem Hause neben dem Calcidicum der Casa del
Cignale gegenüber. Die Frühlings-Höre mit einem weissen Lamme und mit einem Korbe Ricotta dargestellt, erinnert an die noch jetzt vorhandenen Sitten in Campanien und Gross-Grie-
chenland, wo diese Attribute zu Ostern als Geschenke dargebracht werden. Das UntergeAvand dieser Höre ist hellgrün, das Obergewand dunkelroth, der Korb mit der milchweissen Ricotta ist
grünlich-gelb. Die Höre des Sommers mit der Sichel hat ein grünes Gewand, welches im Innern, da wo es sich umschlägt, eine violette Farbe zeigt; ihr Haar ist gelb.

22. Pompeji 1840. Die Hören des Herbstes und des Winters, in der Grösse der Originale, Gegenstücke zu denen auf der vorhergehenden Tafel 21, welche zusammen die vier Jahreszeiten vor-
stellen, ausgegraben in der Strada de' Mercadanti, in einem Hause neben dem Calcidicum, der Casa del Cignale gegenüber. Die Höre des Herbstes hat einen Korb und einen Zweig mit
Früchten, sie hat ein blaugrünes Kleid, welches da, wo es die innere Seite sehen lässt, violett ist; das über dem linken Arm liegende und hinter der Figur flatternde Gewand ist zinnober-
roth, ihr Haar braunroth, die Schuhe sind gelb. Die Höre des Winters, in der Rechten ein Paar Enten, als Zeichen der Jagd, und in der Linken einen entblätterten Zweig, ist von oben
bis unten mit einem gelben Gewände bekleidet, welches inwendig grün ausgefüttert ist; ihre kurzen Stiefel sind gelb mit blauen Rändern. Unter den antiken Malereien finden wir vielleicht
hier zum ersten Male alle vier Jahreszeiten beisammen abgebildet, obgleich wir einzelne Hören der Jahreszeiten schon früher vorgefunden, von denen die Gegenstücke wahrscheinlich zer-
stört waren. Rei antiken Marmorwerken kommen die Hören der vier Jahreszeiten öfter dargestellt vor.

23. Wand aus der Casa di Castore e Polluce zu Pompeji, ausgegraben 1828. QDer obere Theil der Wand fehlt hier auf der Zeichnung, da er sehr beschädigt war.) Diese Wand, welche sich
auf dem Tablinum befindet, gehört zu den reichsten und schönsten in Pompeji. Das Hauptgemälde auf dem Mittelfelde stellt vor: die Entdeckung des Achilles durch den Ulysses unter den
Töchtern des Lykomedes auf Skyros, wohin ihn, als Mädchen verkleidet, seine Mutter Thetis gebracht, nachdem sie ihn seinem Erzieher, dem Centauren Chiron, weggenommen, um ihn dem
Zuge gegen die Trojaner zu entreissen. Ulysses und Diomedes, so wie sie den Achilles dadurch erkannt, dass er nach den Waffen greift, die sie nebst Putzsachen mitgebracht hatten, halten
ihn fest; sehr bestürzt ist über diesen Vorfall der König Lykomedes und sehr erschrocken dessen älteste Tochter Deidamia, die mit dem Achilles im geheimen Liebesverständniss lebte und
später den Pyrrhus gebar. Auf diesem Gemälde, einem der schönsten, welches uns das Alterthum aufbewahrt hat, greift Achilles nach dem Schilde und nach dem Schwerte (nicht nach dem
Speere), während auf den uns noch vorhandenen antiken Marmormonumenten im Museo Pio Clementino, Villa Pamfili in Rom und Villa Helvedere in Frascati, so wie den Erzählungen des
Hygin, Apollodor und Philostrat zufolge, Achilles nach dem Speere greift.*) Ulysses hat eine violettlich rothe Tunica mit grünem Saum und einen rothen Mantel, welcher inwendig weiss ist
Lykomedes trägt einen violettrothen Mantel, Deidamia in ihrer Angst enthüllt sich ihres weissbläulichen Gewandes. Der Handspiegel mit einem Kopfe geschmückt ist silberfarbig, der Helm
und die Vase sind golden, der Schild war auch goldfarbig, ist aber durch die heisse vulcanische Materie roth gebrannt; durch dasselbe Ereigniss hat auch das ganze Gemälde eine braun-
rothe Farbe erhalten. Das Schmuckkästchen links, so wie der rechte Fuss des Achilles und der Trompete-blasende Krieger ist hier auf der Zeichnung Restauration, da schon beim Aus-
graben dieses Stück Malerei, von 1 Fuss breit, nicht mehr vorhanden war; doch glaube ich noch den Helm und die Trompete des Kriegers erkannt zu haben. Der Grund des Mittelfeldes der
Wand, auf dem sich das Hauptgemälde befindet, ist zinnoberroth, der Grund der beiden Seitenfelder mit den schwebenden Gruppen, Faun und Racchantin, blau, wie auf den in Farben
publicirten Tafeln 17 und 27 zu sehen ist, welche die Gruppen der entgegengesetzten Wand darstellen. Der Grand der Lambris ist schwarz, der Grund der schmalen Felder über der Lam-
bris mit den Centauren und den von Rehen gezogenen Rigen gelb. Der Grund der perspectivischen Durchsichten ist weiss, die candelaberartigen und andern Säulen, so wie die meisten
kleinen Ornamente, sowohl im Mittelfelde als auf den beiden Seitenfeldern, sind gelb. Die zAvischen den Säulen stehende Muse Euterpe mit der Doppelflöte hat violettes Gewand; die auf der
andern Seite zwischen den Säulen stehende Muse Thalia, mit der Maske und dem Hirtenstab, hat eine rothe Tunica und ein grünes Obergewand.

24. Wand aus der Casa de' Capitelli colorati zu Pompeji, ausgegraben 1833, in den Farben des Originals. Diese Wand gehört einem Zimmer CExedra) rechts vom mittleren Peristylium, woselbst
sich auf der entgegengesetzten Wand das schöne Gemälde, Venus und Adonis, befindet, welches ich nächstens auch zu geben hoffe. Diese Wand mit dem Gemälde des Amorinenverkaufs,
welches ich auf Taf. 18 in der Originalgrösse gegeben habe, gehört mit zu den schönsten Wänden von Pompeji und zeichnet sich durch seine architektonische Anordnung besonders aus Ces
ist interessant, hier auch zwei Gemälde auf Holz gemalt, wie die Triptychen, abgebildet zu sehen).

25. Pompeji 1834. Herculanum. Ornamente in Farben, in der Grösse der Originale. Das Ornament aus Pompeji befindet sich an einer Wand in der halbrunden Exedra, links vom mittleren
Peristylium in der Casa de' Capitelli colorati, und bildet die Einfassung eines Wandfeldes, worauf sich die auf Taf. 20 publicirte Leda befindet. Der Candelaber aus Herculanum wird jetzt
im Museum zu Neapel aufbewahrt.

26. Capital in weissem Marmor aus Pompeji. Dieses Capital, welches jetzt in mehreren Rruchstücken in beiden Höfen des Königl. Museo Rorbonico zu Neapel herum liegt, gehört in Hinsicht der
Ausführung des Rlätterwerks mit zu den schönsten.

27. Pompeji 1828. Schwebende Gruppe, Faun und Racchantin, in der Grösse des Originals, ausgegraben in der Casa di Castore e Polluce, hier in ihrer ganzen Farbenpracht dargestellt. Diese
Gruppe ist das Gegenstück zu Taf. 17.

28. Pompeji 1840. Hercules die Jole raubend, in der Grösse des Originals, ausgegraben in einem kleinen Zimmer hinter der Casa del Cignale. Nach Apollodor II. 7. und Diodor von Sicilien
IV. 31. 33. 37. war Jole, des Eurytus, Königs zu Oechalia, Tochter, von ihrem A^ater demjenigen zum Kampfpreis ausgesetzt, der ihn und seine Söhne im Rogenschiessen überwinden würde.
Hercules leistete dieses, erhielt sie aber doch nicht; darauf überzog er den Eurytus und dessen Söhne mit Krieg, erschlug sie, eroberte Oechalia, nahm die Jole gefangen, und ging mit ihr
nach Käneum, einem Vorgebirge auf Euböa. Der Grund der Wand, auf dem sich dieses Gemälde befindet, ist weiss. Im Gemälde selbst ist der Himmel blau, die Gebirge grünlich, das
Erdreich gelblich, in den Schatten grünlich. Die Löwenhaut des Hercules ist gelb, das Untergewand der Jole blauviolett, ihr Obergewand weiss. Die Figur, der Jole zur Rechten, hat
ein dunkelrothes Untergewand und ein hellrothes Obergewand; das Gewand, welches sowohl diese als die Jole anfassen, ist weiss; die andere weibliche Figur, welche hinter der Jole steht,
hat eine gelbe Tunica. Diese Vorstellung, Hercules die Jole gefangen nehmend, erscheint hier zum ersten Male unter antiken Rildwerken.

29. Aus der Casa de' Capitelli colorati zu Pompeji, ausgegraben 1833. Ornamente in Farben in der Grösse der Originale. Die untern zwei Ornamente befinden sich auf der weissen Wand des
Tablinums, die ich später im Ganzen geben werde; die obern drei Ornamente sind auf den gelben Wänden in dem Triclinium, welches die schönen Gemälde enthält: Racchus mit seinem
Gefolge zur schlafenden Ariadne auf Naxos kommend, und das andere Gemälde, Clitie und Apollo.

30. Aus der Casa della Toeletta delP Ermafrodito (Tenere ed' Adone) zu Pompeji, ausgegraben am 24. August 1836. Aus der Casa de' Capitelli colorati zu Pompeji, ausgegraben 1833. Das
hier in der Mitte gegebene Rild ist entnommen einer Wand am Veridarium mit dem Peristylium, und stellt Venus mit dem verwundeten Adonis vor, den Amorinen pflegen. Die Göttin
mit gelbbraunem Haar hat eine weisse Tunica mit einem gelben Rande unter dem Rusen gegürtet, ihr Schleier ist ebenfalls weiss, das Gewand, welches ihr über dem Schoosse liegt, ist grün,
das Diadem golden, der Halsschmuck mit blauen Steinen und in der Mitte mit einem grösseren rothen Stein verziert, die Armbänder sind golden, das Armband am Oberarm mit einem grünen
Steine geschmückt, desgleichen sind die Sandalen-Ränder am Fusse mit grünen Steinen verziert. Der Stab der Venus weiss mit rothen und gelben Streifen. Adonis hat braunes Haar, sein
Gewand ist lackroth, der Amor, welcher dem Adonis eine weisse Rinde um die Wunde des linken Schenkels anlegt, hat gelbes Gewand; der weinende Amor hält ein Salbenbüchschen, der
andere Amor, von dem man nur noch die beiden Arme sieht, drückt einen Schwamm mit Wasser aus in ein metallenes Gefäss. Die Figur, welche hinter dem Adonis zur Rechten steht, hat
grüne Kopfbedeckung, gelblich weisses Kleid und grünlich gelbe Aermel. Der Hund ist rothbraun. Die felsige Landschaft ist im Vordergrunde gelb, im Hintergrunde violett und blau. Rei
diesem Gemälde sind die Figuren etwas über lebensgross, es erinnert in Hinsicht der Malerei an das grosse Gemälde: Hercules und Telephus, 1739 in Herculanum ausgegraben, und scheint
von demselben Künstler gemalt zu sein. His jetzt sind ausser dem grossen Gemälde, Diana und Acteon, in der Casa di Sallustio, sehr wenig Malereien mit lebensgrossen Figuren in
Pompeji aufgefunden worden.

Auf der einen der beiden historischen Landschaften, welche sich in einem kleinen Zimmer rechts vom Tablinum befinden, ist dargestellt: Hercules, den an den Caucasus geschmiedeten
Prometheus befreiend, indem er den Adler erschiesst, welcher des Prometheus täglich wieder wachsende lieber verzehrte.

Auf der andern Landschaft ist dargestellt: Polyphem von seinen Schaafen umgeben, rechts seine Geliebte Galatea auf einem Delphin ankommend, von einem Triton und einem über ihr
schwebenden kleinen Amor mit einem Sonnenschirme begleitet.

Die untern drei länglichen schmalen Gemälde, die Pygmäen mit den Kranichen kämpfend, befinden sich auf den schwarzen Wänden im Cubiculum, hinter dem kleinen Zimmer mit
den eben genannten historischen Landschaften.

*) In der Casa della Caccia zu Pompeji ist im Jahr 1834 in einem Zimmer rechts vom Atrium dieselbe Darstellung, Achilles vom Ulysses entdeckt, ausgegraben worden, welche aber schon beim Ausgraben sehr beschädigt war.

II.

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