Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

Seite: 30
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1899/0037
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
BEITRÄGE ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES GEBETBUCHES

KAISERS MAXIMILIAN I.

Von

Karl Giehlow.

Der Gedankengang der bisherigen Forschung.

eim Anblick der Steindrucke, welche Strixner nach den in München aufbewahrten
Gebetbuchzeichnungen Dürers gefertigt hatte, äusserte sich Goethe Riemer gegen-
über am g. März 1808 mit den Worten, dass er sich ärgern würde, wenn er gestorben
wäre, ohne sie zu sehen.1 Er ahnte nicht, dass ihre geheimnissvolle Bilderschrift zum
Schmucke eines Gebetbuches des Kaisers Maximilian I. bestimmt war. Wie zu Joachim
von Sandrarts Zeiten2 hüllten sich auch damals Besteller und Bestimmung dieser
Blätter in vollkommenes Dunkel. Nur ein ihren Gestaltungen innewohnender Vervielfältigungszweck
kam dadurch unbewusst zur Kenntnis, dass mit ihrer Wiedergabe die kürzlichst entdeckte Lithographie
ihre erste grössere Probe erfolgreich bestand. Im Uebrigen liess man sich durch den Aufbewahrungsort
und Gebettext dieses Kunstkleinods leicht dazu verleiten, seine Zweckbestimmung in dem gottesdienst-
lichen Gebrauch eines bayrischen Fürsten zu erblicken. Doch lautete vorsichtig der Titel dieser ersten
Gebetbuchpublication: Albrecht Dürers Christlich Mythologische Handzeichnungen.3

Auch Goethe folgte dieser Auffassung, als er seine »von ganzem Herzen und mit vollen Backen«
lobende Besprechung dieser Münchener Ausgabe in der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung«
erscheinen Hess.4 Hier fanden die Zeichnungen Dürers eine Beschreibung von geistiger Ebenbürtigkeit,
aus deren reichem Gedankenschatze bisher alle späteren Schilderungen entlehnten. Der schöne, stets
wiederholte Vergleich dieser Randverzierungen mit der Ornamentik der Raffaelischen Logen stammt
von Goethe. Auch eine bisher noch fehlende gründliche Schilderung ihrer Ikonographie wird von
diesen Untersuchungen auszugehen haben, welche Goethe nach einer, man möchte sagen, naturwissen-
schaftlichen Methode in jenen Aufsätzen angestellt hat. Dies geschah Alles ohne Kenntnis des Be-
stellers, des Gebetbuchtextes und der engen Beziehungen beider zum Bildschmucke. Bedenkt man,
dass in den ältesten Entwürfen zum zweiten Theile des »Faust« Kaiser Maximilian selbst noch han-
delnd auftritt, sich Faustens Mantel wünscht, um zu den Gemsenjagden in Tirol zu segeln,5 so bleibt

1 Riemer, Mittheilungen über Goethe, Bd. II, Berlin 1842, S. 671.

2 Joachim v. Sandrart, Deutsche Akademie, Nürnberg, I. Haupttheil 1675, S. 224; II. Haupttheil 1679, S. 72; Latei-
nische Ausgabe, i683, p. 212.

3 Bei Zeller in München 1808 ohne Text der Gebete.

4 Jahrgang 1808 unter dem 19. März und Jahrgang 1809 unter dem 18. April; vgl. über die Gründe für Goethes
Autorschaft die Ausgabe Strehlkes von Goethes Werken, XXVIII. Theil: Schriften etc. zur Kunst, bei Hempel, Berlin, S. 818.
Dagegen sind diese Besprechungen als nicht von Goethe geschrieben in der neuesten, im Auftrage der Grossherzogin von
Sachsen-Weimar veranstalteten Ausgabe weggeblieben. Wenn auch das Originalmanuscript die Schriftzüge Meyers trägt, —
vgl. Harnack, Notizen aus dem Nachlass H. Meyers, Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte, III. Bd., 1890, S. 374 — sein
Gedankeninhalt stammt bis in die Einzelheiten von Goethe.

5 Franz Wickhoff, Der zeitliche Wandel in Goethes Verhältnis zur Antike, dargelegt am Faust, in den Jahresheften
des Oesterreichischen archäologischen Institutes, Bd. I (1898), S. 109.
loading ...