Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 26.1901

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EINE LOKALE GATTUNG BOlOTlSCHER GEFÄSSE

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Raben aus dem Munde des Sterbenden geflogen seii, dass bei
dem Schiffbruch der Flotte des Mardonios am Athos weisse
Tauben auf dem Meere erschienen seien2, oder wenn in der
ersten Erzählung des Antoninus Liberalis der in den christ-
lichen Heiligenlegenden öfters wiederkehrende ähnliche Zug
sich findet, dass sich der Tote direkt in eine Taube verwandelt
und sein Leib verschwindet: τεκοΰσα δ3 ή Κτήσυλλα και χαλεπώς
έκ τοΰ τόκου διατεΤεϊσα έτελευτησε κατά δαίμονα, δτι ό πατήρ αυτής
έψεΰσατο τον δρκον. Και τό μέν σώμα κομίσαντες εφερον, δπως
κηδεΰσωσιν εκ δέ τής στρωμνής πελειάς εξέπτη και τό σώμα τής
Κτησΰλλης αφανές έγένετο.
Solche Vorstellungen scheinen unseren Vasenmaler veran-
lasst zu haben, den Vogel neben der Totengöttin darzustellen.
Wenn diese Auffassung richtig ist, so haben wir hier ein von
homerischen Vorstellungen unberührtes Zeugnis für diese uralte
Volksanschauung, die sich unter dem gemeinen Volk und in
entlegeneren Gegenden Griechenlands gewiss lange erhalten
hat. Zwar ist auf dem Vasenbilde wohl nicht an die Psyche
eines einzelnen Verstorbenen zu denken; vielmehr scheint es
hier der Hadesvogel zu sein, der im Dienste der chthonischen
Göttin steht und von ihr gesendet wird, um die Seelen der
Toten zu holen. Denn so wie die anthropomorphisierten Keren
und Sirenen anfangs die Seelen der Verstorbenen sind und
dann zu Dämonen werden, welche die Toten hinwegraffen,
ebenso leicht lässt sich eine derartige Umwandlung in den
Anschauungen von der einfach als Vogel aufgefassten Psyche
denken. Bulle hat in der Strena Helbigiana S. 31 ff. einen
interessanten Aryballos aus Boiotien veröffentlicht, dessen bild-
liche Darstellung von ihm gewiss richtig gedeutet wird: «Chthon,
die Personifikation alles Unterirdischen, sendet aus der Tiefe
die «Seelenvögel» an das Tageslicht; sie sitzen an einer Pforte
des Hades und locken durch ihren Gesang die Lebenden ins
Verderben» (a. a. O. S. 35). So etwa, als einen Boten der

1 Plin. N Η. VII 174 ; vgl. Herod. IV 15,
2 Charon von Lampsakos bei Aelian Var. hist. I 15. Nach einem noch heute
weitverbreiteten Seemannsglauben nehmen die Seelen ertrunkener Matrosen die
Gestalt von Möwen an.
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