Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 26.1901

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MYKENISCHE GÖTTERBILDER UND IDOLE

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In diesen Zusammenhang möchte ich daher auch die von
YVolters in der Έφημ. άρχαιολ. 1892 Tat. 8. 9 veröffentlichte
Darstellung einer Göttin auf dem Halse einer bei Theben ge-
fundenen pithosähnlichen Amphora mit Reliefverzierung ein-
reihen. Diese erhebt die Arme in derselben Weise wie die
Göttinnen von ΙΊρινιας und von Γουρνιά, und an diese erinnert
auch der breite glockenförmige Unterkörper. Nur ist die the-
banische Göttin mit primitiv gezeichneten Füssen ausgestattet
und repräsentiert insofern ein etwas fortgeschritteneres Sta-
dium, gerade wie an den bei Perrot-Chipiez VII 149. Fig. 28—29
wiedergegebenen Götterbildern die Füsse als ein späterer Zusatz
aufzufassen sind gegenüber den a. a. O. S. 150, Fig. 30. 31 ab-
gebildeten Glockengöttinnen. Auf der thebanischen Amphora
klammern sich zwei weibliche Gestalten an die Göttin.
Wolters erklärt a. a. O. S. 225 ff. die Göttin als Artemis
Λεχώ, Λεχαία in der Stellung einer gebärenden Frau, die beiden
weiblichen Gestalten als Geburtshelferinnen. Diese mit grosser
Gelehrsamkeit und vielem Scharfsinn begründete Erklärung
ist von dem Gynäkologen J. Morgoulieff in seiner Schrift Etude
critique sur les monuments representant des sc'enes d’accouche-
ment, (Paris 1893) aus gynäkologischen Gründen bestritten wor-
den, und wenn Dümmler, in seiner Besprechung der Morgou-
lieffschen Schrift Berlin, philolog. Wochenschrift 1894, S. 962 ff.
Kieme Schrifteti III 363 ff.) die Wolterssche Deutung verteidigt,
so geschieht dies doch mehr mit negativen als mit positiven
Gründen. Der Recensent fordert den Verfasser auf, «wenn er-
sieh einmal mit Denkmälern befasste, eine positiv bessere
Deutung an Stelle der bestrittenen zu setzen oder das Urteil
zurückzuhalten». Diese Zurechtweisung finde ich ein wenig
streng, und wenn ich, der ich lange an Wolters’ Erklärung ge-
zweifelt habe, endlich diese Zweifel offen auszusprechen wage,

an Grösse alle sonst bekannten prähistorischen Thonfiguren. Die Formen eines
langbekleideten menschlichen Körpers sind deutlich zu erkennen, aber doch nur
in den Hauptzügen ganz roh ausgedrückt ; und namentlich in der Bildung des
unteren Teiles ist der Zusammenhang dieser Plastik mit der gewöhnlichen Töp-
ferei recht in die Augen springend. Wir haben da eine konische, etwas einge-
zogene Röhre, welche ein langes und weites, reichgemustertes Gewand vorstellen
soll». M. Hoernes, Urgesch. der bild. Kunst in Europa, S. 220 f. Taf. IV.
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