Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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Ein archaischer Torso in Athen

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könnte die Sitzfigur des Zeus gehören. Die Art, wie sich die Falten auf
der Schulter wie zufällig ineinanderschieben, weist sie möglicherweise
schon in die Anfänge des neuen Stils, der Abwendung vom Archaischen,
dessen Beginn ja auch auf der Akropolis von Athen schon vor die Perser-
kriege fällt.

Da eine erneute eingehende Untersuchung dieser Fragen hier nicht
beabsichtigt ist, mögen diese Andeutungen genügen, um die Richtung,
in der die Entstehung des Athener Torsos gesucht werden muß, wenigstens
im allgemeinen zu bestimmen.

Gießen. G. Rodenwaldt.

wiedergegeben. In der assyrischen Rundplastik (nicht im Relief) dagegen reicht
das Qewand bis zum Boden und von den Fiißen sind nur die wie angesetzten
Spitzen mit den Zehen sichtbar, iiber denen der Gewandsaum bisweilen eine
doppelt geschwungene Kurve bildet. Es ist ein Detail, in dem sich die Ver-
schiedenheit ägyptischer und assyrischer Formempfindung prägnant äußert.
Ein Blick auf eine Reihe ältester griechischer bekleideter Figuren (Branchiden,
Sitzfiguren von Prinias, Statuette von Auxerre, Statue der Nikandre, Hera des
Cheramyes) zeigt, wozu sich diese stellen. Sogar die doppelte Schwingung des
Gewandsaumes finden wir bei dem einen Branchiden, Perrot-Chipiez VII] 272,
Fig. 109. Es waren die noch stehenden Denkmäler der Zeit Assurnazirpals
und seiner Nachfolger und die lebendige assyrische Kimst vom Ende des achten
und des siebenten Jahrhunderts, aus der sich die Künstler des mit Assyrien
durch vielfache Beziehungen verbundenen loniens die Vorbilder holten, die
sie sofort selbständig weiterbildeten (nichtassyrisch ist das Standmotiv der
stehenden Figur in Samos, A. M. XXXI 1906, Taf. X ff., die nur ein angezogenes
Beispiel des Apollontypus ist, der wohl ausÄgypten auf einem anderen Wege,
etwa Thera-Peloponnes nach Griechenland gekommen ist). Die Herleitung dieser
Motive aus Assyrien ist unvereinbar mit der zentralen Vermittlerrolle, die
Loewy (öst. Jahresh. XII 1909, 243ff.; XIV 1911, 1 ff.) der Insel Kreta zu-
gedacht hat (dagegen Poulsen, Der Orient u. d. friihgriech. Kunst 161 ff.). Aber
diese Annahme steht überhaupt auf schwachen Füßen. Bei keinem einzigen
der in Kreta vertretenen hocbaltertümlichen Typen läßt sich nachweisen, daß
das kretische Stück die Priorität gegenüber anderen hat oder nur aus einer
kretischen Entwicklung heraus zu verstehen ist. Letzten Endes beruht Loewys
Hypothese einzig und allein auf der problematischen antiken Dädalidenüber-
lieferung, deren Richtigkeit er doch erst beweisen will. Der Fries und die
Voluten von Prinias (Annuario d. Scuola arch. ital. di Atene I 19 ff.), auch
die kretischen Terrakottafriese mit Wagenrennen, zeigen vielmehr, daß sich
hier dorische Einflüsse mit ionischen kreuzten, wie das auf der Insel mit dem
bunten Völkergemisch (Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. II 274ff.) geschichtlich gut
begreiflich ist. Aber vielleicht wird Kreta noch zur Heimat des ionischen Bau-
stils erklärt; denn was Dipoinos und Skyllis recht ist, ist Chersiphron von
Knossos billig!
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