Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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üewandschemata der archaischen Kunst

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der Figur v. Bissing Taf. L Mitte, bei der die Linien an der Vorderseite
senkrecht laufen, am Rücken dagegen nach unten gerichtete Winkel und
Bogen bilden, erkennt man deutlich, daß die Faltengebung nicht beab-
sichtigt die tektonische Gliederung des Körpers anzudeuten. Da die
Falten weiter sehr schmal, dicht gehäuft, fein und flach sind und, wenn
sie nicht abstehen, sich ganz der Modellierung des Körpers anschmiegen
(Ramses II. in Turin, v. Bissing XLVIIIf.; K. i. B. 27 No. 6; Bulle,
a. a. 0. Taf. 14; Maspero, Gesch. d. Kunst in Äg. Abb.325; v. Bissing, Kunst
d. alt. Äg. Taf. XI), geben sie eine Flächenwirkung, betonen die Rundung
des Körpervolumens. Auch Einzelsenkrechte kommen vor: Priesterin
Tui im Louvre, Bulle, a. a. 0. Taf. 17; sie sind aber zu schmal und zart
und folgen zu sehr der Körpermodellierung, um eine tektonische Wir-
kung hervorzubringen; das senkrechte Perlengehänge (Amenemes III.;
Bonnet, D. äg. Tracht 12 ff.) oder senkrechte Hieroglyphenstreifen
(Ramses 11. in Turin) sind weit davon entfernt, ein so strenges tektonisches
Gerüst zu bilden, wie es die hethitische Statuette des Louvre, Poulsen
Abb. 53, hat, bleiben vielmehr in einer gewissen selbstgenügsamen Iso-
lierung der ganzen Figur gegeniiber, die iiberhaupt die einzelnen Teile
einer ägyptischen Figur, die haddiert’ sind, zeigen. Denselben Form-
prinzipien folgen auch Randborten (Braulik, Altägypt. Gewebe 11;
Bonnet, a. a. O. 60) und die bei der Vorliebe der Ägypter für weißes
Linnen seltenen bunten Stoffe, die meist horizontal gemustert sind (Me-
moires de la Mission d. Caire, fasc. 3 Thiti-Grab Taf. V), auch senkrecht
(a. a. 0. Harm-Habi-Grab Taf. III, Pharao), vielleicht auf asiatischen
Einfluß zurückgehen (vgl. die Asiaten am Wagen des Thutmose, Cat.
du Caire, Tomb of Thoutmösis IV., Abb. 4—6).

Es wäre vermessen und liegt auch nicht in meiner Absicht, mit
diesen knappen dürren Worten das Wesen der ägyptischen Gewanddar-
stellung — jede trachtgeschichtliche Untersuchung liegt überhaupt dieser
ganzen Arbeit fern —- und die Beispiele aller vorkommenden Schemata
erschöpfen zu wollen, die Hauptpunkte jedoch, die beim Vergleich mit
der hethitischen Kunst wichtig sind, glaube ich berührt und als gegen-
sätzlicher Art zu ihr erwiesen zu haben. Das schließt nicht aus, daß
gleichsam peripherisch eininal ein Schema in beiden Kunstkreisen ähnlich
auftritt, so das der von einer Mittelsenkrechten abgehenden Schrägen:
hethitisch: Abb. 2, ägyptisch: Boeser, Beschreib. d. äg. Samml. d. M. i.
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