Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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Valentin Müller

Natur ist, sondern ebenfalis ein künstlerischer, die in § 13 dargelegten
künstlerischen Ideen. Diese sind das Wirkende und suchen sich aus der
Natur das, was sich ihrem Zweck anpaßt, heraus. Die Natur ist lediglich
Material für die Kunst.

Gewiß kann man durch Raffung ein Mittelfaltenbündel leicht her-
stellen und hat es sicher getan, aber nicht etwa, weil das Gewand zu
iang war und am Schreiten hinderte, dann hätte man es ja abschneiden
können, sondern weil man die die Mitte betonenden Linien schön fand.
Auch nicht eine Beobachtung, daß beim Gehen das Gewand zwischen
den Beinen Falten schlägt, kann der Grund gewesen sein, denn das
Schema kommt ja ebenso bei stehenden und sitzenden Figuren vor. Schon
das Nebeneinanderbestehen von verschiedenen Schemata bei gleicher Hal-
tung muß davor warnen, in ihnen eine Naturnachahmung zu sehen,
denn nach den Naturgesetzen dürfte keine Verschiedenheit herrschen;
diese beweist vielmehr eine Drapierung, also eine Willkür gegenüber der
Natur. So könnte matr meinen die seitlichen Falten bei Sitzenden (§ 5)
beruhten darauf, daß in der Natur sich hier die überschüssige Masse zu
Falten zusammenschöbe, es gibt aber auch Sitzende, die diese nicht
haben (§ 4; auch ‘Athena des Endoios’, Dickins No. 625), also ist man
jedesmal dem Schema gefolgt, dessen künstlerische Idee man darstellen
wollte. Oder, die Bronze der Akropolis, de Ridder, a. a. 0. No. 793 hat
vom Mittelbündel abgehende Schrägfalten, No. 782 ebenda bei genau
gleicher Schrittstellung keine.

In Ephesos stehen faltenlose und gefältelte Gewänder von gleicher
Beschaffenheit nebeneinander (§ 14): man darf also nicht den Unter-
schied auf die verschiedene Schwere des Stoffes, da ein schwererer,
dickerer Stoff weniger Falten wirft als ein dünnerer, zurückführen, son-
dern die faltenlosen Beispiele folgen dem einheimischen Stil, während die
gefältelten sich enger an die orientalischen Vorbilder anschließen.

Ebensowenig darf man als Grund fiir die engere oder weitere Stellung
der Linien Unterschiede des Stoffes anführen. Man kann doch nicht an-
nehmen, daß die reichen Handelsherren von Korinth, deren Chitone nur
ganz wenige, weitgestellte Linien (§ 1) zeigen, weniger feine Stoffe ge-
tragen hätten als die Melier, für die die Scherbe J. H. S. XXII 1902
Taf. V einen mit vielen ganz dicht gestellten Linien bedeckten Chiton gibt.
Der korinthische Poseidon, Thiersch, Tyrrh. Amph. 113 No. 2, hat zudem
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