Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Der Dreileibige

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iiche Reihe von Marmorwerken, die den attischen Porosgiebeln voraus-
gehen. Von diesen hängen Löwin- und Hydragiebel noch am engsten
init der zweiten Stufe zusammen, der Rest gehört der dritten, mit den
jüngerkorinthischen Vasen gleichzeitigen Stufe an, der Zeit zwischen
Netos- und Frangoisvase, der Zeit des Sophiloskessels und des Kalbträgers.

Auf dieser Stufe steht denn auch der Sinn des seltsamen Wesens und
des ganzen Giebels. Die alte naive Lust an der Schaffung phantastischer
Wesen ist noch nicht ganz erloschen, aber es werden nicht mehr Sagen-
bild und Fabelwesen lose aneinandergereiht, sondern der ganze Giebel
ist eine einheitliche sinnvolle Szene; aus seinen Teilen zusammengewachsen,
ebenso wie Statuen, ja sogar Tempel dieser Zeit aus den vier Blockseiten
zusammenzuwachsen beginnen. Und die beiden Monstren, die den An-
blick des Giebels noch so sehr bestimmen, sind auch in sich über die alte
Fabelstimmung hinausgewachsen und erzählend geworden, am meisten
der Dreileibige.

Fischleibige, geflügelte, schlangenleibige Zwitter aus Mensch und Tier
hatte die alte Zeit in Hülle und Fülle hervorgebracht. Der ‘Flügel-
dämon’, männlich oder weiblich, ist ihr so geläufig, daß man Beispiele
nicht zu nennen braucht; niemand wird alle diese Wesen auf zwei ganz
bestimmte Sagengestalten zurückführen wollen, so sehr auch die spätere
Bildung von Windgott und Siegesgöttin diesem Bereich entwachsen.
Ähnlich entwächst ja auch die feste Gestalt der Sphinx einem inhaltlich
nicht bestimmt faßbaren Bereich männlicher und weiblicher, bärtiger
und unbärtiger Sphinxe. Dasselbe Schicksal hat die Sirene, und auch der
alte mythologisch nicht fixierbare Fabellöwe, der in Reihen aufmarschiert,
sich heraldisch mit Menschen, Dämonen, Fabeltieren gruppiert, oft auch
ganze Menschen und Tiere verschluckt, verdichtet sich erst allmählich
zum nemeischen Löwen: besonders deutlich greifbar in der spartanischen
Elfenbeingruppe Brit. School Ann. XIII S. 89 oder in dem Übergang
der Salbväschen mit dem Kopf im Löwenrachen (Walters, History of
Ancient Pottery I Taf. 10) zum Herakleskopf mit dem Löwenfell (Brit.
Mus. Terracottas Taf. 18). An dieser Bewegung nimmt auch der fisch-
leibige und der schlangenleibige Dämon teil. Der Fischdämon begegnet
auf protokorinthischen Reliefs (Tonform aus Korfu in Oxford: P. Gard-
ner, Principles of Greek Art S. 116), auf korinthischen und böotischen
Vasen (Berlin 1079; Paris, Louvre, Bull. de corr. hell. 1897, 452), auf
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