Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

Page: 59
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1922/0065
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Der Dreileibige

59

mütige Charakter des Wesens würde am besten zu dem gütigen Nereus
passen, dem auch aus dem Zusammenhang der Szene hier einzig wahr-
scheinlichen Meeresalten. Wie käme der aber zu Flügeln und Schlangen-
leib, zu den drei Oberkörpern und zu den Attributen in den Händen ?

All das erklärt sich ganz einfach: Der Alte zeigt wie früher seine
Verwandlungskünste. Hatte schon der fischschwänzige Seedämon ge-
legentlich Flügel und der alte Schlangendämon immer Flügel, so hatte
unser Künstler, der die Vielgestalt des Wesens zeigen wollte, keinen
Grund, die Flügel wegzulassen. Die Lieblingsverwandlung des Alten und
seiner Tochter, die dein Angreifer ständig entschlüpfende Schlange, ist
nicht mehr bloß angefügte Protome oder Attribut dei Hände, sondern
bestimmt die ganze Erscheinung, wobei der Knäuel wieder das Viel-
gestaltige prächtig kennzeichnet; aber es fehlen auch die züngelnden
Schlangenprotomen nicht (Heberdey, Altattische Porosskulptur S. 63 ff.).
Wie glänzend gerade diese Darstellung der Schlangenverwandlung, die
Wiedergabe des Alten als schlangenschwänzigen Wesens, dem Künstler
zur Füllung des Giebeldreiecks diente, liegt auf der Hand. Aber noch
Kühneres hat er unternommen. Wenn die alten Meister Schlangenprotome
oder Löwenprotome ihrem Seedämon anhefteten zum Zeichen, daß er
sich in diese Tiere verwandeln konnte, so hat unser Meister dem Meeres-
alten zum Zeichen weiterer Verwandlungsfähigkeiten drei Oberleiber ge-
geben, deren Köpfe zwar nur das freundliche Wesen des gutmütigen
Alten ausdrücken, die aber durch die Attribute in ihrer Hand zeigen, in
was sich der Alte noch verwandeln kann. Das war ja gemeinverständliche
Sprache der archaischen Kunst, daß dasTier in der Hand des ähog ysQov
oder seiner Tochter die Metamorphose kennzeichnet. Das erste Attribut
nun ist ein oben und unten gerade abgeschnittenes wellengefurchtes Ding,
in dem man ganz mit Recht Darstellung fließenden Wassers gesehen hat
(L. Curtius, Stud. z. altorient. Kunst, Bayer. Sitzungsber. 1912 S. 37 f.;
Dickins S. 80; Heberdey S.60). Das zweite ist, und das ist besonders wich-
tig, vom erstenganz verschieden, andersgehalten, nicht flächenförmig, nicht
mit Wellenlinien überzogen. Der Alte hält es nicht schräg, wie es sich für
laufendes Wasser gehört, sondern aufrecht. Das untere Ende ist antik
eben abgeschnitten, das obere Ende fehlt, nur von dem Verbindungssteg
zur Brust sind Reste erhalten; die Teilungslinien sind parallel und leicht
nach einer Seite gebogen. Der bündelförmige Gegenstand kann nichts
loading ...