Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Ernst Buschor

kann. Aber wenn auf diesen Bildern das Ziel des Ganges angegeben ist,
so ist es Altar und Bild der Gottheit, und das Ziel steht sinngemäß am
Ende der Reihe. Hier aber soll sonderbarerweise der Zug sich am Ziel
vorbeibewegt haben, das Gebäude, zu dem er wallfahrtet, soll die Mitte
der Darstellung eingenommen haben. Das widerspricht ganz der ver-
deutlichenden und anschaulichen Erzählweise der altgriechischen Künst-
ler. Schwierigkeiten bereitet auch der nackte Jüngling links von dem
Häuschen, und die Tatsache, daß eine der Teilnehmerinnen des Zuges,
wie sich zeigen wird, sich im Inneren des Häuschens befindet, an dem sich
die Prozession vorbeibewegt. Ganz unerhört innerhalb der archaischen
Kunst ist vollends die genaue Angabe der lokalen Situation, auf der die
ganze Prozessionsdeutung fußt. Auf einem Relief der Burg soll ein
Tempel der Burg samt seiner Peribolosmauer und dem heiligen Ölbaum
getreulich nachgebildet sein. Das ist ohne jede Analogie, und ich glaube,
man kann sagen, so unarchaisch wie möglich.

Am ehesten würde man in dieser Zeit, die man nicht mit der Parthe-
nonzeit verwechseln darf, die Darstellung einer Sage erwarten. Etwa ein
halbes Dutzend Giebel mit Tierkompositionen sind uns erhalten, utid
etwa ebenso viele mit mythologischen Bildern. Ganz deutlich geht die
Verzierung von Gebäuden denselben Weg wie die von Gefäßen und an-
derem Gerät. Auf die zuerst noch dominierende Tierstreifenverzierung
folgt immer siegreicher die Herrschaft des Mythos, und zwar werden
zuerst naiv die Lieblingssagen der Zeit dargestellt, ganz ohne innerliche
Verknüpfung mit der Bestimmung des zu schmückenden Gebäudes oder
Gegenstandes. Wenn wir also eine Lieblingssage des frühen VI. Jahr-
hunderts finden, aus der heraus sich Häuschen, Mauer und Baum, und
was sonst noch erhalten ist, ungezwungen erklären, so werden wir die
Prozessionsdeutung gerne für immer fallen lassen.

Den Mittelpunkt der Szene nimmt das Häuschen ein, das, wie wir
gesehen haben, von gleichzeitigen Tempeldarstellungen abweicht, und
sich als Gebäude von einfacherem Typus erweist. Wer es richtig ver-
stehen will, muss sich völlig freimachen von der uns heute geläufigen
ausschnitthaften und auf einen Blickpunkt bezogenen Landschaftsdar-
stellung. Wer etwa fragen würde: welchen Aspekt des Gebäudes hat der
Künstler ausgewählt? oder: von welchem Standpunkt der Burg ist der
dargestellte Komplex aufgenommen ? wüi de ebenso am Ziel vorbei-
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