Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Ernst Buschor

Rhodia, die auf dem Schwellstein vor dem Wasserspeier im innern des
Brunnenhauses das Vollaufen ihres Krugs abwartet, hat Klitias der
Deutlichkeit wegen mitsamt ihrem Schwellstein aus dem Gebäude heraus-
gezogen, unbekümmert darum, daß nun die Mauer hinter der Ante von
dem Stein durchschnitten erscheint und moderne Betrachter auf den
Einfall kommen konnten, es sei ein Gebäude mit prostylen Pfeilern dar-
gestellt. Die Verfolgungsszene spielt sich natürlich zwischen Brunnen-
haus und Stadtmauer, nicht längs dieser Gebäude, ab, ähnlich wie die
Ausfahrt des Amphiaraos (F.-R. 121) zwischen Haus und Tor, nicht längs
ihrer. Die archaischen Meister zeichnen also ihre Gebäude wie ihre
Figuren, ihre Gebäudekomplexe wie ihre Figurengruppen, und jeder
Versuch, die Landschaftsbilder dieser Zeit naturalistischer zu inter-
pretieren als das Figürliche, schöbe diesem Stil eine merkwürdige In-
konsequenz unter.

Es hat also nichts Befremdendes, sondern im Gegenteil etwas innerlich
Wahrscheinliches, wenn unser Meister dem Häuschen. das er von der
‘deutlichen’ Seite zeigt, eine Türöffnung nahe der Schauseite einfügt,
oder wenn er, wie wir sagen, auf einmal von der Langseite zur Türseite
übergeht. Und diese Wiederherstellung verträgt sich nicht nur mit den
Fragmenten, sondern wird von ihnen gefordert. Es ist Heberdeys Ver-
dienst, den Platz der Bruchstücke endgiiltig innerhalb des von ihm ent-
deckten zugehörigen architektonischen Rahmens festgelegt zu haben,
durch ihn erst hat die ganze Gebäudedarstellung im Verhältnis
zum Giebelrahmen und zu den Figuren ihre richtigen Proportionen. ihr
echt archaisches Gesicht erhalten. Die schwache Seite seiner Wieder-
herstellung bleibt aber die rechte Ecke des Gebäudes. Da er die Tür
nicht wahr haben will, sondern daran festhält, es sei die reine Profil-
ansicht einer Vorhalle dargestellt, muß er mit einer vom Beschauer aus in
die Tiefe gehenden Stützenreihe, also mit einer Ungeheuerlichkeit inner-
halb des archaischen Flächenstils rechnen, ferner mit einem bis jetzt in
der archaischen Baukunst ganz unerhörten Gebäude, einein Doppelwalm-
haus init prostylen Pfeilern an den Ecken der Vorhalle, und schließlich
mit einer ganz merkwürdigen Inkonsequenz in der Behandlung des Ge-
bäudes: während der Meister an der Rück- und Längswand des Gebäudes
die Quadertechnik aufs sorgfältigste wiedergibt, soll er die Frontseite un-
gegliedert gelassen, ausgehöhlt, und mit schwarzer Farbe bemalt haben.
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