Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Nachwort

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Kultur, wie wir sie aus der Verbreitung der Keramik schon nebelhaft zu
sehen glaubten, tritt uns klar vor Augen. Als erster Großkönig von
‘Achaiva’ erscheint Antaravas = Andreus. Sein Sohn Tabaglavas, der
oft genannt wird, ist der griechische Eteokles von Orchomenos. Das
nördliche Griechenland ist zuerst der Schwerpunkt des neuen Reiches,
ganz wie es auch die Sagen und die Funde bezeugen. Dann verlegt er
sich nach der Argolis. Proitos von Tiryns ist zu erkennen, der den Bel-
lerophon nach Lykien (dem Lukka-Lande) schickte, und sehr unter-
nehmend tritt auf Atarisias d. i. Atreus, der Vater des Agamemnon und
Menelaos, mit seinen Zügen gegen Karien und Cypern. Er ist nach den
Tafeln etwa 1250—1225 anzusetzen.

Wenn nun bei Homer die Söhne dieses Atreus Troja erobern —
dessen Name ebenfalls in den inschriften vorkommt — so kann diese
Eroberung nur Troja VI betroffen haben, nicht Troja II. Das anzu-
erkennen und vorbehaltlos auszusprechen ist mir angesichts des großen
und schönen Gewinnes der Forrerschen Forschungen nicht ein Opfer,
sondern eine Freude.

Aber weiter zurück haben wir den Blick trotzdem zu lenken. Die
Boghasköi-Tafeln berichten nur aus ihrer Gegenwart, was die Achäer
gegen Kleinasien unternommen haben. In Troja II ist aber der nordiscbe
Palastgrundriß als verblüffendes Zeugnis des frühen griechischen Ein-
flusses schon vorhanden. Auch all die ‘frühmykenischen’ Züge der Ilias,
die ich oben aufgezählt habe, behalten ihr Recht. Die Ilias enthält Teile,
die älter sind als der Krieg der Atreussöhne gegen Troja VI. Vielleicht
stammen sie aus Liedern, die etwas anderes besangen als gerade einen
Trojazug. Außerdem hat sich in der Sage selbst eine Erinnerung erhalten
an eine schon frühere Eroberung von Troja durch Herakles, als Priamos’
Vater Laoinedon König war (II. V 638 ff.). Bei der jetzt zutage getretenen
erstaunlichen Verläßlichkeit der griechischen Tradition werden wir auch
hierin eine Tatsache, also wohl die Eroberung und gewaltige Zerstörung
von Troja II erkennen dürfen. Dies Troja lag also schon lange im Inter-
essenkreise der Achäer, und sein alter Ruhm und seine wichtige Lage ver-
liehen auch dem Erfolge der Atreussöhne einen besonderen Glanz, zu
dessen Preise nun alle ältere Dichtung auf ein großes Werk zusammen-
gefaßt wurde.

Berlin, 11. März 1924.

Carl Schuchhardt.
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