Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 10.1894

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Architektonifche Rundfchau
SKIZZENBLÄTTER

AUS ALLEN GEBIETEN DER BAUKUNST

HERAUSGEGEBEN
VON
Ludwig Eisenlohr und Carl ÄÄfeigle
ARCHITEKTEN IN STUTTGART.
10. Jahrgang 1894. !-•-
6. Heft.
Monatlich eine Lieferung zum Preise von Mark 1. l>0.

Konkiirrenzentwürfe zu einem neuen Nationalmuseum in München.
Tafel 41—44. Entwurf von Professor Gabriel Seidl.

» 45—48.
” 49-5^.
Das Programm dieses Wettbewerbs wurde auf Veranlassung
des bayerischen Staatsministeriums von einer gemischten
Kommission, welcher die Architekten und Professoren G. Hauber-
risser, L. Romeis und G. Seidl als Vertreter der Münchener
Architektenschaft beigeordnet waren, in eingehendster Weise
bearbeitet.
Zum Schlüsse erhielten die drei genannten Architekten vom
Ministerium den Auftrag —■ in engerem Wettbewerb unter
sich — Pläne für den Neubau des Nationalmuseums auszu-
arbeiten.
Die Prüfung der drei Projekte erfolgte durch eine Jury von
sechs Architekten, welche, nach Vorschrift des Ministeriums durch
Losziehung in zwei Gruppen geteilt, zwei völlig unabhängige
Gutachten abzugeben hatten.
Eine dieser Gruppen konnte keines der Projekte zur so-
fortigen Ausführung empfehlen und beantragte nochmaligen Wett-
bewerb unter den Konkurrenten. Die andre Gruppe vereinigte
ihr Votum auf das Projekt von Professor Seidl, das sie im
wesentlichen zur Ausführung empfahl. Nachdem den einzelnen
Konkurrenten gestattet war, ihre Projekte vor der Plenar-
versammlung des Preisgerichts zu erläutern, schloss sich dieses
dem zweiten Vorschläge an und bestimmte den Seidlschen Ent-
wurf zur Ausführung.
Die Aufgabe der Konkurrenten war nicht leicht. Selten
sind wohl mannigfaltigere, ja sehr oft entgegengesetzte An-
forderungen eines Bauprogramms zu erfüllen gewesen. Rück-
sicht auf eine Reihe vorhandener, der Grösse nach feststehender
Objekte, wie Plafonds, Gobelins, Altäre, war zu nehmen. Die
Feuersicherheit des Gebäudes sollte durch Abscheidung einzelner
Baukörper durch Brandmauern garantiert und doch der Verkehr
im Innern ein bequemer und ununterbrochener sein. Einzelne
Räume waren heizbar zu machen.
Die Rücksicht auf einheitliche und monumentale Gestaltung
der Baugruppe stand im Widerspruch mit der Notwendigkeit,
den Ausstellungsraum grosser Objekte ihrem jeweiligen Stile
anzupassen etc. Nicht die kleinste Schwierigkeit bereitete die
Unregelmässigkeit und Lage der Baustelle.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass die
drei Projekte nach Gesamtanlage und Detailausbildung so sehr
verschieden sind. Seidl ging in malerischer Gruppierung der
Bauteile ohne Rücksicht auf akademische Vorschriften am wei-
testen, Romeis versuchte dem Ansprüche auf monumentale Sym-
metrie von allen Konkurrenten am meisten gerecht zu werden,
während Hauberrissers Entwurf in gewissem Sinne die Mitte
zwischen beiden hält.
Die Haupterfordernisse des Programms waren die folgenden:
18 Säle und Hallen mit zusammen 3 300 qm für die
älteren Perioden (I. Hauptgruppe), worunter
eine Waffenhalle mit 500 qm,
ein römisches Lapidarium mit 300 qm,
ein romanisches Lapidarium mit 270 qm,
ein gotisches Lapidarium mit 270 qm,
ein Saal für kirchliche Kunst mit 400 qm,
ein Saal für Gipsabgüsse mit 400 qm,
37 Säle mit zusammen 3 150 qm für die neueren Perioden.

,, Georg Hauberrisser.
,, Leonhard Romeis.
26 Säle mit zusammen 4560 qm für die Fachsammlungen
(II. Hauptgruppe):
Textilarbeiten, Trachten, Keramik, Eisenarbeiten, Holz-
schnitzereien, Modelle etc.
An Verwaltungsräumen wurden verlangt:
zwei Kopiersäle mit je 140 qm,
zehn Büreauräume mit zusammen 300 qm,
eine Bibliothek mit zusammen 200 qm; ausserdem
eine Registratur,
Räume für Spezialausstellungen,
Werkstätten mit zusammen 100 qm,
Hausmeisterwohnung und Wachlokal.
Das ganze Areal für den Neubau misst 18 640 qm. Beim alten
Museum beträgt die überbaute Fläche 3470 qm; die Sammlungs-
räume, Parterre, erster und zweiter Stock, geben zusammen,
ohne Vorhalle und Treppenhaus, ungefähr 5 700 Quadratmeter.
In welch verschiedener Weise sich die Konkurrenten mit
den Forderungen dieses Programms abgefunden haben, ist aus
den von uns nahezu vollständig publizierten Plänen mit ge-
nügender Deutlichkeit zu ersehen. Zur Erläuterung möge deshalb
nur noch folgendes Erwähnung finden:
Professor Seidl hat sich die Aufgabe gestellt, mit zwei
Stockwerken auszukommen, auf welche er die beiden Haupt-
gruppen verteilt. Da nun die im Untergeschoss angeordnete erste
Hauptgruppe eine grössere Ausdehnung besitzt als die zweite, so
musste ein Teil des Gebäudes eingeschossig gemacht werden.
Im Obergeschoss sind die Fachsammlungen angeordnet; ausser-
dem Kopiersäle und ein Saal für Sonderausstellungen. In den
durch die Baugruppen gebildeten Höfen sollen Gartenanlagen ver-
schiedener Zeitperioden zur Darstellung gelangen. Ein besonderer
Bau für Fachausstellungen — der im Programm nicht verlangt
war — soll in einer Ecke des Bauplatzes errichtet werden. Die
verhältnismässig einfache Architektur gestattet die Einhaltung
der Bausumme von 4800000 Mark.
Auch Professor Hauberrisser entschloss sich zur Annahme
eines Gruppenbaues. Er gliedert seine Anlage in einen Re-
präsentationsbau mit prächtiger Eingangshalle und Treppenhaus,
der diejenigen Räume enthält, welche nach aussen keine besondere
Charakteristik fordern, und in einen Annexbau, dessen Einzelteile
auch äusserlich den Stil ihres Inhalts erkennen lassen. Beide Bau-
gruppen sind, obwohl zusammenhängend, durch einen die Strasse
übersetzenden Thorbau getrennt. Die Anlage breiter Korridore,
sowie das Bestreben, diesen Bau mit monumentaler Prachtentfaltung
zu gestalten, hat eine erhebliche Ueberschreitung der verfügbaren
Bausumme zur Folge gehabt.
Mit peinlicher Genauigkeit ist Professor Romeis dem Pro-
gramme gerecht geworden, trotzdem er allein die Form eines
nach der Hauptfront regelmässigen Monumentalbaues geschaffen
hat, dessen Eingang jedoch nicht in der Hauptachse, sondern in
dem der Stadtseite zugekehrten westlichen Flügelbau liegt. Von
diesem Flügelbau zweckmässig abgeschieden und nur durch einen
Gang verbunden, liegt an der Lerchenfeldstrasse der Bau für
Verwaltungsräume und Kopiersäle. Der östliche Flügelbau ent-
hält Sammlungsräume in wechselvoll gestaltetem Grundriss. Der
grosse freibleibende Hof würde bei diesem Projekte eine Ver-
grösserung durch Erweiterungsbauten am besten zulassen.
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