Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1988

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Der Kelch aus Štvrtok na Ostrove

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde unsere Goldschmiede-
kunst durch keine einheitlichen stilbildenden Kriterien
charakterisiert. Die Renaissance in unserer Goldschmiede-
kunst war kein Stil, sondern nur eine Erscheinung, die
neben dem Überleben der gotischen Tradition auch nach
dem Antritt des Barocks in verschiedener Intensität den
Stilcharakter des heimischen Golschmiedeschaffens mit-
bestimmte.
Trotz der Konjunktur der Goldschmiedekunst im 16.
Jahrhundert erlebte die Produktion der sakralen Gold-
schmiedeartefakte eine Stagnation; diese war eine Folge
der Verbreitung der Reformationsideen, die den über-
flüssigen Prunk der Zeremonien bei dem katholischen
Gottesdienst verurteilten. Durch die Interessenabnahme für
das lithurgische Geschirr beschränkte sich die Zahl und
auch die Typenverschiedenheit der Erzeugnisse. Dieses
Schaffengebiet repräsentierte nur der Kelch, der als Fuk-
tionsgefäß seine Geltendmachung auch bei dem Gottes-
dienst der reformierten Kirchen fand. Die Kelche erhielten
sich ausnahmsweise bis in die zweite Hälfte des 17. Jahr-
hunderts ihren mittelalterlichen Grundbau mit dem
sechslappigen Fuß, kantigen Rumpf, massiven Nodus und

einem Kuppenkorb mit gesäumten Lilienfries. Der Stil-
charakter dieser Arbeiten bestimmte dann das Barockorna-
ment mit.
Ein zutreffendes Beispiel der sakralen Golschmiedearbeit
aus dem 16. Jahrhundert ist der Kelch aus Štvrtok na
Ostrove. Mit seinen Grundformen beruht dieser Kelch noch
in der gotischen Vergangenheit, seine gravierte Verzierung
spiegelt jedoch eine neue den Protestanten nahe stehende
Ideenorientierung wider. Die Verzierung entspricht bewußt
dem gewählten Ideenprogramm, das Interesse für das
Dekorative und die Wirksamkeit seiner Ideenfülle über-
deckten sich hier gegenseitig. Die Ikonographie der Ver-
zierung spiegelt das Akzeptieren der Reformationsgedan-
ken wider. Als Vorlage der Verzierung dienten die Bib-
lischen Figuren von Virgil Solis, die eine beliebte Illustra-
tion der zeitgenössischen Bibeln und Religionsbücher in
und auch außerhalb Deutschlands waren. Der Graveur
— warscheinlich war es der Goldschmied selbst —
faßte die biblischen Figuren als eine Inspiration auf;
im verkleinerten Maßstab konnte er keine getreuen
Kopien der Vorlage verfertigen, in den Details hielt
er jedoch die klaren Zusammenhänge mit der Vorlage
ein.
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