Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 224
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LEUKIPPIDEN

Die Flügel der Eck-Horen sind nicht wie auf 180 gesenkt,
sondern gehoben: auch sind ihre beiden Beine vom Ge-
wand bedeckt. Der Mantel der Mittelfigur flattert bogen-
förmig über ihrem Haupt. Die Leukippide rechts fasst
sich mit der Rechten an den Hinterkopf; unter ihr liegt
ein umgestürzter Blumenkorb am Boden; die Mädchen sind
also, wie auf der Meidias-Vase, beim Blumenpflücken über-
rascht worden. Der bärtige Krieger rechts fasst nicht an
sein Wehrgehäng, sondern erhebt erschrocken die i rechte
Hand; an seiner linken Hüfte wird das Schwert sichtbar.
Der Gefährte der Dioscuren in der Kämpfergruppe links
trägt hier gleichfalls ein Wehrgehäng. Die am Boden lie-
gende Scheide fehlt.

Auf den Schmalseiten sind, wie auf 180, die Dioscuren
mit ihren Bräuten angebracht, jedoch bei weitem nicht in
so feiner Charakteristik, wie dort; vielmehr sind hier zwei
für andere Situationen geschaffene Typen in nicht eben
glücklicher Weise umgebildet. Auf der linken Schmalseite
Fig. 181a führt der Dioscur die Leukippide unter
Vorantritt eines ungeflügelten mit beiden Händen eine
brennende Fackel tragenden, also als Hymenaeus gedach-
ten Amor mit sich fort. Ohne Pileus, nur mit der
Chlamys bekleidet, in der Linken das in der Scheide
steckende, dieser Situation durchaus nicht angemessene
Schwert, streckt er den rechten Arm nach seiner Braut aus
und scheint sie am Mantel fassen zu wollen. Das Mädchen,

in Chiton, schleierartig über den Kopf gezogenem Mantel
und Schuhen, schreitet langsam vorwärts, indem es den
Mantel mit der gesenkten Rechten ein wenig anzieht, mit
der Linken aber eine Falte vor ihr Gesicht erhebt, wie um
sich zu verhüllen. Der Gruppe liegt die Darstellung des
die Alcestis aus der Unterwelt zurückführenden Hercules
zu Grunde, wie sie sich auf der rechten Schmalseite des
Florentiner Proserpina-Sarkophags findet (vgl. oben S. 35).
Der Pflaster mit der Urne (vgl. 180 a. 180 b) ist hier an
der hinteren Ecke angebracht. Auf der rechten Schmal-
seite Fig. 181 b reicht der andere Dioscur der geraubten
Leukippide die Hand. Aber wiederum im Wider-
spruch mit der dargestellten Situation ist der Bräutigam
mit Helm, Schild und Wehrgehäng ausgerüstet; die Linke
scheint den Griff des Schwertes zu umfassen, von dem
allerdings nichts zu erkennen ist. Die Leukippide trägt
dieselbe Gewandung wie ihre Schwester. Auch die Arm-
haltung ist im Wesentlichen dieselbe. Ein oeflüg-elter
Amor mit einer brennenden Fackel in der Rechten, also
wiederum als Hymenaeus zu denken, schiebt sie zu dem
Bräutigam hin. Das Vorbild für diese Darstellung ist die
heimliche Begegnung zwischen Iason und Medea (s. Bd. II
192 a), aus welcher auch die Bewaffnung des Bräutigams
gedankenlos beibehalten ist. Rechts wieder der ab-
schliessende Pfeiler, aber ohne die Vase, für die der Schild
des Dioscuren keinen Platz liess.
Anfang des zweiten Jahrhunderts.

Tafel LVHI. LIX.

182)' S. Früher Rom, Privatbesitz, zur Zeit ver-
schollen. Fig. 182. Fig. 182a. Fig. 182b. L. 2,15.
H. 1,04 (des Kastens 0,68, des Deckels 0,36). T. 1,05.
Rh. 0,06. Zeichnung von Eichler 1885.

Gefunden im Februar 1885 an der Via Salaria, auf der rech-
ten Seite 10 Meter von der Landstrasse entfernt, auf dem zu der
einstigen Villa Bonaparte gehörigen Terrain, in einer Grabkammer, die
ausserdem noch sechs sculpirte Sarkophage enthielt. Die Ziegel-
stempel weisen auf die Zeit der Antonine; in der Kammer wurden
Münzen des Antoninus Pius, des Caracalla und des Claudius
GothicuS gefunden. Da nicht weit davon bei denselben Aus-
grabungen Cippen der Licinier aus dem Anfang des ersten Jahr-
hunderts ausgegraben worden sind [Corpus Inscriptionam Latinarum
VI 31721—31727), hat man nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet,
dass auch die Grabkammer derselben Familie gehört habe; s. FlORELLl
Notizic degli scavi 1885 p. 42 ss.; vgl. 1884 p. 393 jj., lanciani
Bulletins) della Commissione arclieologica comunale di Roma XIII
1885 p. \o\ss., Henzen Bullettino deW Institute 1885 p. 9, Melanges
d^ archeologie et dlhistoire V 1885 P- 1>1'^S-

Abbildung: Melanges a. a. O. pl. XII (Vorderseite).

Litteratur: FiORELLI a.a.O. 1885 p. 44 j.; Melanges a.a.O.
P- 3i9-

Replik von 180. 181. Der Deckel war durch vier
Klammern an der Vorderseite und je zwei an den Schmal-
seiten mit dem Kasten verbunden. Als Eckmasken dienen
die Köpfe bärtiger Windgötter. Auf dem Fries der
Vorderseite Fig. 182 vier paarweise gruppirte stiertödtende
Victorien; zwischen ihnen drei mit einer weiblichen tra-
gischen Maske geschmückte Candelaber. In den Giebeln
der Schmalseiten Fig. 182 a. Fig. 182 b ein Blattornament
mit einer Rosette als Centrum. Auch die Akroterien der
Rückseite sind mit einem Blattornament verziert.

Die Vorderseite Fig. 182 stimmt in der Composition
und selbst in der Figurenzahl genau mit 180 überein, nur
ist die Scene noch aufgeregter gestaltet, als selbst auf 181.
Im Einzelnen finden sich folgende Abweichungen. Die
Hören an den Ecken tragen statt der Guirlanden Füll-
hörner; die Flügel sind wie auf 180 gesenkt, die Beine
wie auf 181 ganz vom Gewand bedeckt. Der Ueberschlag
ist nicht gegürtet; unter seinem unteren Saum wird ein
kleiner geraffter Bausch sichtbar. Die Leukippide rechts
erfasst statt des Mantels den Arm ihrer fliehenden Ge-
spielin, ihr rechter Arm ist wie auf 180 erhoben. Die
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