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28 daß die Beute nichts als Haare enthielt, ließ er sie fallen und flatterte scheltend auf seinen
Baum zurück. Die Locke fiel in den Burggraben und blieb auf dem moosigen Boden liegen.
Dann kam ein Rotschwänzchen aus seinem Nest geschlüpft, holte die Locke und trug sie in
sein Schlupfwinkelchen. Das Nest des Rotschwänzchens war im Epheu dicht neben dem
Gitterfenster, hinter dem der Räuberhauptmann in der Nische kauerte. Der Mann hatte allem
zugesehen, was mit der Locke geschehen war. Er streckte seinen Arm durch das Gitter und
holte das Nest in seinen Kerker. Da fand er auf dem Boden des Nestes eine lange schwarze
Locke, in ihrer Mitte aber war ein blutrotes Haar. Der Mann gedachte an die Verkündigung,
die er tags zuvor am Schloßbrunnen gehört hatte: Wer des Königs Geheimnis errät und
wer ihm sagen kann, was er vergessen hat, der bekommt die Hälfte seines Königreichs. Das
Geheimnis des Königs weiß ich, sagte er zu sich selber.
Der König hatte keine Ahnung, daß unter den Haaren, die er in das Ofenfeuer warf, gerade
die verräterische Locke fehlte. Er war so guter Dinge, wie schon lange nicht mehr. Als nach
dem Frühstück der Haushofmeister erschien, um des Königs Befehle zu empfangen, führte
ihn sein Herr in das Schlafgemach an das Fenster, zeigte ihm einen offenen Laden am Tor-
turm und fragte, wer in der vergangenen Nacht hinter jenem Laden gehaust habe. Der Haus-
hofmeister sagte, er wolle den Torwärter herbeirufen, der müsse es wissen. Er wollte gehen,
aber der König rief ihn zurück und gab den Auftrag, daß der Herold den üblichen Morgen-
verkündigungen noch folgende hinzufügen solle: Wer in der vergangenen Nacht um die zwölfte
Stunde im Schloßhof gesungen hat,
Sieben Geschwister sind sich hold,
soll sich sofort bei dem Könige melden. Der König will ihm das schönste Roß aus dem
Marstalle schenken.
Der Haushofmeister ging, und bald darauf machte der Herold seinen Rundgang durch alle
Höfe, Gänge, Gärten und Ställe und verkündigte die Botschaft des Königs.
Dieser harrte mit größter Ungeduld. Aber niemand meldete sich. Dagegen kam der Torwärter
und berichtete dem König, daß hinter dem bezeichneten Fenster des Torturmes seine Dienst-
magd geschlafen habe. Er habe sie erst gestern in den Dienst gestellt. Sie sei ein blutjunges,
feines Ding, aber leider sei sie einäugig. Bei der Arbeit sei sie fleißig und anstellig.
Als der König erzählt hatte von dem wundersamen Scheine, der aus dem Kammerfenster
gequollen sei, schüttelte der alte Mann bedenklich den Kopf und meinte, mit dem verbundenen
Auge müsse es ein seltsames Bewandnis haben. Seine Frau habe die Magd in den Keller
geschickt und sei, ohne von ihr bemerkt zu werden, hinter ihr hergegangen. Da habe sie
gesehen, wie ein leiser Schimmer mit der Dirne gegangen sei, die doch kein Licht gehabt
habe; und zwar sei der Schimmer, wie sie deutlich bemerkte habe, unter der Augenbinde
hervorgekommen. Der König befahl darauf dem Wärter, er und seine Frau sollten für die
kommende Nacht eine List ausdenken, um hinter das Rätsel des seltsamen Lichtes zu gelangen.
Da sich noch immer niemand gemeldet hatte, um das schönste Roß des Schlosses geschenkt
 
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