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Ja, wie hätte den Kranken schon der Anblick allein gestärkt, und dazu ein einziger, tiefer,
tiefer Atemzug in frischer Luft, an dem offenen Fensterchen! Was draußen so viel Leben
brachte, — sollte ihm das nur Unheil bedeuten können? •—
Er grübelt und sehnt sich, der Bauer, und seine Gedanken müssen traumhaft schön sein. Denn
er fühlt sich gepackt wie von einer anderen Macht und kann ihr nicht widerstehen; ist doch
sein Kopf viel zu schwach dazu, und der Durst nach Genesung hat die Herrschaft gewonnen.
So erhebt sich der Bärenecklebauer, gleitet aus dem Bett und schwankt an das Fenster. Wie
die schwächste Pflanze sich windet und dreht, bis sie ein Sonnenfünkchen sieht und daraus
ihr Leben saugt, so zerrt ihn die Sehnsucht und gibt ihm Kraft, das Fenster zu öffnen. Und
nun atmet er; Gewährung und Verlangen kräftigen ihn, sich mit den Händen an den Fenster-
rahmen zu krallen wie an das Leben selber, und sich emporzuschwingen und hinauszublicken.
Wie ein Rausch kommt es über ihn und benebelt ihm die Sinne; die Glieder straffen sich in
der Kraft der Verzweiflung. Er zwängt sich an das Fenster und ist unbesorgt wie im Schlafe.
Nur hinaus! Hinaus in den Sonnenschein, in die lichte Welt! Hinaus an das sprühende Wasser!
Nur einen Tropfen, einen einzigen Tropfen mit den Lippen, mit der Zunge auffangen dürfen!
Er weiß selber nicht, was weiter geschieht, der Bauer.
Ein in der Leidenschaft nach dem Leben noch einmal stark gewordener Körper gleitet durch
den Fensterrahmen und fällt auf die grüne, sonnendurchwärmte Matte; er reckt sich und dehnt
sich und windet sich an den Bach, öffnet den Mund und läßt die kleinen, feinen Spritzerchen
des schäumenden Wassers auf Stirne, Lippen und Zunge fallen. Und dann wagt er auch ein
paar tiefe volle Züge, — Züge an leben durchfluteter Luft und an lebenspendendem Naß. Ihm
ist, als sei er schon unter der Erde gewesen, dem Ersticken und Verschmachten preisgegeben,
und nun sei er gerettet, wenn man ihm nicht etwa das bischen Leben aus Sorge für ihn
wieder abschnitte.
Doch dazu sollten die Menschen nicht mehr gelangen, wenn sie auch in der Überzahl waren;
— nein, er wollte sich, um die Verwandtschaft nicht zu Gewaltmitteln zu reizen, fein, still und
ruhig verhalten und in der Hoffnung auf eine neue heimliche Labung bis morgen ausharren.
So raffte er sich auf, rannte um das Haus, schloß seinen Kerker auf und legte sich wieder zu
Bett. Doch, obwohl er sich bemühte, den heimkehrenden Verwandten das alte Gesicht zu
zeigen, und obgleich er nur innerlich quietschvergnügt sein wollte, brachte ihn die offene Tür
in Verdacht. Auch ein Zeuge fand sich, der alles zu sehen pflegte und Peterling (Petersilie)
auf jedem Süpple war: ja, sagte er, er habe vom Walde her einen erregten bleichen Mann
von der Gestalt des Bärenecklebauern um das Haus rennen sehen.
Da ging ein Jammern und Wimmern los ohne Ende im Hause des Kranken: der leidende Bauer
war am Wasser gewesen und hatte getrunken!
Wie auf Flügeln des Windes ging die Schreckenskunde von Haus zu Haus, und bei Nacht
und Nebel rannte auch ein Bote des Unglückshauses nach der Stadt: der Herr Doktor möge
beim Bärenecklebauern erscheinen, bei diesem Unglücksmenschen. Den Typhus habe er fast

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