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Veronika, die bisher mit den ihr zu Ehren erschienenen Gästen geplaudert, trat nun herzu: gg
„Der Vater rüstet den Weidling, wir wollen ein bischen auf den Rhein und von dort aus dem
Feuerwerk zuschauen!“
Das war ein guter Gedanke. Der Hochzeiter und seine Freunde zündeten neue Zigarren an
und versuchten, ob sie noch fest genug auf den Beinen seien, um die alljährlich zu Ehren
von des Landesfürsten Geburtstag eingerichtete Illumination der Ruinen anders als auf der
Terrasse sitzend zu beobachten.
„Wißt Ihr was? bleibt Ihr, wo Ihr seid,“ riet Martin gnädig. So in den Booten, da ist es
wackelig. Es könnt’ mit Euch ein Unglück geben. An meinem Hochzeitstag paßt mir das übel.“
Die Kameraden stimmten bei, sie bekannten sich im Grunde lieber zur Flasche als zum Kahn,
den eben der Schiffer-Doegg heranruderte.
Eine ungewohnte Feierlichkeit drückte des alten Hünen grobes, durchrunzeltes, wie aus Stein
gemeißeltes Gesicht aus: „Komm her, Schwiegersohn, laß mich sehen, was Du wert bist. Mit
meiner Tochter, dem Kind, das ich in wochenlangen Märschen in meinem Arm durch die
Wüste getragen und mit dem Schatten meines Körpers vor der Sonnenglut beschützt hab’,
mit der Veronika lege ich auch mein Fährmannsruder in Deine Hand. Nimm’s und steure
heut Dein Weib hinunter zur Limburg und wieder herauf zum Sponeck. Es ist Deine Probe.
Bist bis Mitternacht nicht wieder da, so hast den Weidling zum letzten Mal regiert. Die
Schiffer am Sponeck sterben aus.“
„Wir kommen, Vater!“ rief Veronika mit heller Stimme. „Steig ein Marti!“
Sie glitten stromab. Ihre Fahrt beleuchtete das aufflammende Feuerwerk. Rotglühend, durch-
sichtig wie ein Geisterschloß, scheinbar von der Erde losgelöst am dunklen Himmel schwebend,
stieg die Ruine aus dem Schatten der Nacht. Ihre Türme und Zinnen lohten, ihr Mauerwerk
leuchtete im Märchenglanz.
Auch des am Ufer stehenden, in ungewohntes, tatenloses Träumen versunkenen alten Schiffers
knorrige Reckenfigur umgauckelte das Zauberlicht der bengalischen Scheinwerfer. Doegg wartet.
Er wartet, wie alte Leute warten, wünscht sich keine Minute voraus und keine zurück. Das
ist Ruhe. Wozu Eile? Um Mitternacht wird er wissen, ob er das Exempel von seines
Schwiegersohnes Zukunft richtig gerechnet. Ist der Heimatmensch im Martin stärker als der
autoritätslose Gleichberechtigungsmann, so kommt er. Wie könnte er ausbleiben, wo die echte
Tochter der heißen Erde ihn an sich und an den Boden kettet, dem er entsprossen!
Die Zeit verrinnt.
Oben von der Terrasse, aus der Wimmelwelt der fröhlichen Zuschauer, löst sich — ein
dunkles Schicksalswesen — die fleischlose Ahasver-Gestalt Labans. Er schleicht zum greisen
Fährmann. Jetzt ist die Stunde, auf die er gewartet, seit Doegg ihn beleidigt. Die Stunde
der Rache, die Zeit für einen Hieb. Der Ahnungslose weicht nicht aus, er läßt sich
wuchtig treffen.
Jetzt wird der Giftpfeil mit einem Glückwunsch beflügelt: „Ich gratuliere zum Tochtermann!“

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