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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0020
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14 allgemeines ganzes Naturempfinden zu einem Allgemeinen ganzen Kunstausdruck gesammelt,
wobei gar oft der dazu gewählte Gegenstand ganz und gar in den Hintergrund tritt. — Diesem
zuwider sind diejenigen, die nach Naturwirklichkeit streben, sie nehmen ein „zufällig“ Stück
Natur und geben es wieder und müssen dadurch dem kunstgebildeten Geist unverständlich
oder nichtssagend sein, so sind alle diese Studienbilder, die ich als direkte Nachbildung einer
bestimmten Naturerscheinung malte allen meinen Freunden unverständlich geblieben, während
ich da die Bestätigung dessen holte, was ich oben meinte, daß die Kunstform und Farbe einer
höheren aus der Kunstsprache und ihren Mitteln erwachsenen Allgemeinheit angehören; nach
diesem Gefühle scheinen mir sogar die krassesten „Naturnachahmer“ zu handeln, denn ihre
Farbe ist so wenig naturwahr im physischen Sinn, als die aller andern, aber ihre Farbe strebt
nach einer Allgemeinheit, Convention geringerer, niedrigerer Art und erinnert die ungebildete
Physis scheinbar mehr an das täglich sichtbare.
Naturstudium soll also mit dem Organismus, mit dem Wesen der sichtbaren Natur bekannt
machen, damit wir frei seien in der Kunst damit zu schalten nach dem Grade unserer Kunst-
einsicht; diese aber ist das Eine das noththut, die gepflegt werden muß, weil nur von ihr aus
das Heil erwächst, den Weg dazu muß jeder für sich selber finden aus seiner Individualität
heraus. —
Wenn ich nun nächsten Sommer mit dem Farbkasten vor der Natur sitze, sie scharf beobachte,
wird nicht jede Minute ein ander Bild da sein, eins muß ich festhalten, welches? oder ist dieses
eine die Summe aller die ich gesehen, und ist dieses der Fall, wird es nicht allgemeiner Natur
sein müssen und wird es nicht gerade dadurch erst darstellbar als Kunstwerk, das eine ganze
Idee geben soll?
Das sind so Gedanken, die mich an allen Tagen stets beschäftigen und nur während der
Arbeit selbst schweigen, denn da habe ich so zu sagen auf das zu lauschen, was man Gewissen
nennt, das ein sonderbar Ding ist und dem das Nachdenken ebenso sehr nutzen als schaden
kann, aber gewiß ist, daß während der Arbeit die „Gewissensempfindung“ walten gelassen
werden muß. —
Ich kann mir denken, daß Ihnen, hochverehrte Frau, das alles noch ziemlich chaotisch
vorkommen muß, da ich aber eben in Ihren Briefen und Worten eine seltene Klarheit heraus-
leuchten sehe, und es mir selbst sehr darum zu thun ist, klarer zu werden, mir Ihre Klarheit
aber das größte Vertrauen erweckt, so habe ich mir erlaubt, dies eben an Sie zu richten mit
der innigen Bitte mir bei Zeit und Muse ein paar Zeilen darüber schicken zu wollen.
Und jetzt erst komme ich dazu, zu fragen, wie es Ihnen und der werthen Familie geht, was
der Winter mit Ihnen angefangen hat?
Herzlichst grüßend bleibe ich in innigster Hochachtung
Freiburg, den 15. Februar 70

Ihr ergebenster

Emil Lugo.
 
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