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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0045
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AS MÄRCHEN VON DEN DREI GÄNSEN Von 39
Otto Frommei. Es lebte vor Zeiten einmal in einer kleinen Stadt eine
junge Witib. Nicht weit vom Stadttor bewohnte sie ein winziges Haus, vor dem
zwei hohe Pappelbäume standen. Sie hieß Frau Weißhand, und der Name paßte auch sehr
gut für sie, denn sie hatte schöne, weiche, weiße Hände. Überhaupt war sie ein stattliches
Weib, mit einem rosenroten Gesicht und langem lockigem Blondhaar. Sie wohnte in ihrem
rotangestrichenen Häuschen allein mit ihrem einzigen Kind, einem feinen Knaben, der Singal
hieß, weil er schön und traurig singen konnte wie eine Nachtigall.


Hinter dem Haus lag ein großer Gemüsegarten. Von dem, was da wuchs, ernährte sie sich
und den Knaben. Im Herbst aber, wenn es auf Martini ging, pflegte sie auf dem Markt drei
Gänse zu kaufen, zum Festbraten an Martini, am ersten Advent und am Weihnachtstag.
Als wieder einmal Martini in Aussicht stand, da wollte Frau Weißhand an einem schönen
Samstag morgen mit ihrem großen Korb zu Markte gehen, um Gänse zu kaufen. Sie trat eben
aus ihrem Haus, frohgemut und hell wie die Herbstsonne, die über dem Städtlein stand und
dem jungen frischen Weib gerade ins Gesicht lachte, als ein heiseres Geschrei laut wurde, und
hinter der einen der beiden Pappeln eine Frau hervortrat, die drei Gänse in einem Korb trug.
Die Frau war groß und bräunlich und hatte ein rotes Tuch um ihr rabenschwarzes Haar
geschlungen. In ihren dunkeln Augen glühte es wie Feuer, und ihre purpurnen Lippen zuckten
vor stolzer Verachtung. Rasch, ohne daß ihr Gegenüber etwas sagen konnte, nahm sie die drei
Tiere aus ihrem Korb und setzte sie in den der Frau Weißhand. Dann war sie hinter der
andern Pappel verschwunden.
Die Witib war sehr erstaunt und sogar erschrocken. Sie wollte der fremden Gestalt nacheilen,
aber die behäbige Fülle ihres Leibes und das Gewicht ihres Korbes hinderten sie daran. So
ging sie in ihr Haus zurück und trug den Korb in die Küche. Hier musterte sie die drei
Vögel, die ihr auf so seltsame Weise ins Haus geflogen waren. Da ging ein freudiger Schimmer
über ihr feistes Gesicht. Denn die Gänslein waren jung und zart und hatten Federn, weich
wie Wolle und weiß wie Schnee. Und obendrein hatten sie sie nichts gekostet, nicht einmal
den Gang nach dem Markt.
Sorgsam hob sie die Tierlein mit ihren runden Händen aus dem Korb und trug sie nach dem
kleinen Stall in der Küche, in dem sie dergleichen Federvieh zum Fettwerden aufbewahrte.
Da kam der Knabe Singal durch die Küche gesprungen. Als er die drei Gänse sah und ihm
die Mutter erzählte, wie sie dazu gekommen war, hüpfte er hoch auf und sang so hell und
froh wie eine Lerche.
In der Nacht aber ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Der Knabe träumte, er höre aus
der Küche ein Schluchzen und Weinen wie von zarten Menschenstimmen. Und als er auf-
wachte, merkte er, daß es kein Traum gewesen war, den er gehabt hatte, sondern daß wirklich
die Küche erfüllt war von jammervollem Wehelaut und menschlicher Klage.
 
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