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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0104
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g8 trag ich sie nach Freiburg zu Markt. Das Geld, das ich löse, ist mein. Ob es mir wohl eine
Kappe gibt? Die Kameradinnen alle haben Kappen. Ich bin 18 Jahr gewesen, da mag kein
Maitli im blutten Kopf mehr zum Tanz. Der Dieter . . . .“ Sie kichert und streicht sich mit
dem nackten Arm übers Gesicht. — — —
„Vierzig Mark, fünfunddreißig, fünfzig und die Abzahlung vom Haus und . . .“ Des Engelhardts
Zinsenträume weichen dem gesunden Schlaf seiner Kraftmenschen-Konstitution. — — —
In Sorgen wach liegt Hans Jakob der Küfer mit der Rübezahl-Gestalt. „O, daß noch keine
Briefe da sind von den Weinkäufern, gefallt mir halt nicht. Was nutzt dem Kaiserstuhl ein
guter Herbst, wenn der Most liegen bleibt? Vor Martini sollt er weg, daß die Kleinen- und
Mittelleute zahlen können. Futtergeld, Steuern, Wiesenpacht alles das. Wozu ist der Herbst
dem Rebmann anders da, als daß er sich seine Karre voll Weh mit Lebensmut vollpackt!“
Hans Jakobs Bettstelle ächzt. Er hat mit den Beinen gegen das eichene Fußende gestoßen:
„Anfragen müssen kommen, sonst paßt mir’s miserabel.“
Mit offenen Augen, das hagere Dantehaupt auf’m geblümten Kissen ruhend, liegt David. Sein
Denken wurzelt in der Vergangenheit, von deren ernstem Antlitz er in das sich ihm enthüllende
der Zukunft späht. Mit ihm Wand an Wand schläft drüben bei den Nachbarn Mareili, die
Winzigkleine, den wonnigen Kinderschlaf. Ihr Deckbett hat sie weggestrampelt und murmelt
nun: „Das Puppeli friert. Gell Muetterli, du kaufst ihm ein Gewändtli von den vielen goldenen
Batzen, wo der Vater für den Wein bekommt.“
Des großen Rebbauern Dieters erstes Wort am andern Morgen ist. „Mutter, daß du’s weißt,
den Roten (Wein) verkauf ich dann nicht.*) Er reckt sich gähnend, während sie, mit einem
Seitenblick auf ihre stattlichen, sich eben zum Melken anschickenden Töchter, einverstanden nickt.
Die Zäzil ist rot geworden. Man sieht’s, obschon sie den Kopf flink umwickelt. Sophie, die
Jüngere, lacht ihr in’s Gesicht und zupft sie neckisch am Zopfende, das sich eigensinnig unterm
Tuch hervorstiehlt: „Du Stolze denkst, du seist die Einzige im Haus, wo Hochzeit machen
will und zur Morgensuppe des Vaters Roten braucht. Bist aber letz d’ran“ — sie funkelt die
Schwester schelmisch aus braunen Blitzaugen an und ihr eine Spur aufwärts gekehrtes Stumpf-
näschen richtet sich unternehmend dem in seiner robusten vergnügten Männerschönheit eben
eintretenden Bruder entgegen:
„Ich mag auch nicht ledig bleiben, und wie bist du gesonnen, Dieter? Wenn mich keiner mag,
mußt du mich nehmen!“
„Schau dir nur um einen andern,“ scherzt dieser zärtlich, ich kann dich nicht leiden. Weil’s
aber schad wär um den roten Wein, muß ich schauen, daß ich beim Herbsten eine Braut
erwische.“
Vom Dreisamtale herauf spannen vom Abend an die ganze Nacht hindurch die Herbstnebel.
Über den weichen sanften Linien und Flächen der Ebene und der Rebhügel wehten die färb-
*) Bei Hochzeiten geben die Eltern zur Morgensuppe roten Wein.
 
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