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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0105
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losen Schwaden. Da und dort stieg ein Rauch auf, wie der Rauch aus unsichtbaren Opfer- gg
schalen. Mond- und Sternenlicht können nicht herunter dringen auf das wartende Gelände mit
seinen Millionen von Weinstöcken, deren herbstliches Laub in leisem Knistern sich regt, wenn
weicher Erdrauch dem sonndurchwärmten Boden entströmt. Und die Bäume wie Schatten-
gespenste, daß man nicht glaubte, sie könnten wieder Farbe bekommen. Die Welt gedämpft,
schlafend im Nebel. Die Rebenhügel begraben in seinem Gespinst und ebenso das in ihre
Mitte gekuschelte Dorf, ängstlich mit seinen niedern Dächern, seinen winzigen Fenstern in den
Nebel geduckt, als zittre es vor Spannung. Und die Bewohner so seltsam still, alles ohne
Lärm und Leben, so wortkarg und geduldig, so ergeben in das eintönige Schicksal unterm
sternenlosen Himmel und dem einschläfernden Nebel . . . Alles unbeweglich und doch voll
Spannung. . . .
Das ändert sich mit dem Betzeitläuten.
Manchmal, wenn die Glocke der Menschen Seele sucht, findet sie einen Stein, in den Zahlen
geritzt sind; heute klingt sie mitten hinein in aller Herzen. Jubelnd ruft sie:
„Heute ist Herbst!“
Nach der Glocke kommt Frau Sonne. Langsam hebt sie über dem weiten Feld die Decke
von Dunst. Mit weißen starken Händen greift sie in die Wolken, nimmt all den Nebel in
ihre heißen Arme, daß er sich in klare Luft verwandelt. Ihre Strahlen malen grün, braun,
Purpur und Glanz über die Erde und verfehlen nichts. In tönendem Golde, im irisierenden
Opalschimmer funkeln die Hekatomben der Trauben.
Wer schießt so fein, wie Frau Sonne?
Die Menschen nicht. Die knallen. Sie müssen. Anders können sie nicht. Hie und da muß
auch ein Junger, ein Unbändiger einen Juchschrei hinaus werfen in die Berge. Der innere
Jubel würde ihm sonst die Brust sprengen.
Selbst die Arbeit, die man verrichtet, ist heut eher ein lustiger Tanz als eine Anstrengung. . .
Rebmanns hohe Zeit! !.
Die deine Rebenhügel nicht zur Herbstzeit sahen, Heimat, kennen dich nicht. Sie kennen
deine Größe nicht. Wer durch deine Wälder und Felsen wandelt und in deine Seen blickt,
liegt an deiner Brust. Er sieht deiner Augen Leuchten, dein Lächeln, dein Atmen. Aber im
Gelände des Weinstocks mit der reifenden Frucht, da seh ich dich ganz, von den weißen Füßen
bis zum dunklen Scheitel, in deinem schweren Mantel von schillerndem, rieselndem, rauschendem
Laube mit den goldenen Borden der Beeren. Wer dein Lied singen könnte, du schönes stolzes
Heimatland und des Volkes, das in dir sich regt, das deine Scholle liebt. . .
Verlassen liegt das Dorf. In den verödeten Gehöften sind nur Kranke oder sehr Alte zurück-
geblieben. In den Gassen schreien zornige Gänse um ihr Futter. Wenn’s gegen Mittag geht,
antwortet ihnen brüllendes Vieh. Die Glocke aber schweigt. Kein Rauch kräuselt sich über
den Essen. Es wird nicht gekocht, keine Mahlzeit daheim gehalten, alles Leben spielt sich
 
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