Becker, Wilhelm Gottlieb; Tauber, Andreas [Editor]; Pursh, Frederick [Editor]; Block, Ludwig Heinrich von [Editor]
Der Plauische Grund Bei Dresden: Mit Hinsicht Auf Naturgeschichte Und Schöne Gartenkunst ; Mit fünf und zwanzig Kupferblättern — Nürnberg, 1799

Page: 77
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tzelnian eilte sogleich voll inniger Rührung und mit einer liebevollen zutrau-
lichen Miene auf ihn zu, reichte ihm beide Hände, und sagte mit freudiger
Stimme: Armer Freund, ich komme euch zu erlösen. Der Graf stutzte, sah
ihm ein paar Minuten lang siarr ins Gesicht, und darauf verwandelte sich seine
wilde Miene in ein freundiiehes Lächeln. Er stand endlich auf, rief mit einem
tiefen Seufzer aus: Ach dass es Gott wolle! und gab ihm die Hände. Kün-
tzelmann fasste he muthig, drückte sie ihm zärtlich, verßeherte ihn mit einer
Art von Begeiserung, dass er im Namen Jesu frei sei, und befahl den Umste-
henden, ihm sogleich die Ketten abzunehmen. Der Graf gerieth darüber in
die grösste Freude, aber wie gross ward dieselbe erst dann, als er sich^Von
den Ketten befreit sah! Er war geheilt; doch zur Vollendung der Kur blieb
Küntzelmann noch einige Tage bei ihm, unterhielt lieh mit ihm in traulichen
Gesprächen,^ benahm ihm alle seine Zweifel, und verbannte die fixen Ideen,
die ihn wahnhnnig gemacht hatten, aus seiner Seele gänzlich. Die Familie
war vor Freude und Erstaunen ausser lieh. Sie hatte schon viele Geisterbeschwö-
rer kommen 1 ässen, aber diele hatten mit allen ihren grausenden Anhalten und
grässlichen Beschwörungsformeln nichts ausgerichtet. Um so mehr fühlten lie
lieh gegen den Erretter des Grafen, so wie dieser selbst, von Dankbarkeit
durchdrungen. Sie boten ihm eine ansehnliche Summe Geld zur Belohnung an;
da er ße aber ausschlug, so führten lie ihn in ihre Schatzkammer, in welchen
lieh goldene und hlberne Geschirre befanden, mit der dringendsten Verhcherung,
dass, je kosibarer das Stück seiner Wahl ausfallen würde, je lieber es ihnen
seyn werde. Küntzelmann schlug alles diess aus; sein Knecht aber, der ihnen
nach^eschliechcn war, glaubte daher um so mehr berechtiget, einen silbernen
Becher in seine Tasche zu stecken. Doch in diesem Augenblick drehte ßch Kün-
tzelmann um und bemerkte den Diebstahl. Vor Zorn und Schaam bat er so-
gleich den Grafen, ihn gehörig zur Strase ziehen zu lassen; allein der Graf
und die ganze Familie baten für ihn und drangen darauf, er solle den Becher
behalten, weil er ihren Retter glücklich hergebracht habe. So nehmt den
Becher in eure Hand, sprach Künzelmann endlich nach langem Weigerungen
zum Grafen, und gebt ihm den Untreuen, damit er ihn wenigstens auf eine
ehrliche Art bekomme. Für mich aber, fuhr er fort, verlange ich keine an-
dere Belohnung, als dass ihr mir aus künftiges Frühjahr einige junge Ohstbäu-
me von guten Arten, dergleichen ihr so viele besitzt, nebst einigen Psropfreisern
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