Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 36.1901

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Heft Z. Illustrierte Familien-Zeitung. Zahrg. mi.


Der Nlllersuchungsrichter.
Roman oon H. e. Heldrungen.
(Forkfthung.)

er Gefangene sah zunächst den jungen
Richter, der mit der Untersuchung des
dunklen Vorgangs iin Palazzo Righetti
betraut war, eine Weile stumm und
neugierig an. Dann zuckte er noch-
mals mit den Schultern und sagte in
einem bedauernden Tone: „Ja, ich bin dein Vater.
Da ist nichts daran zu ändern, Nomualdo. Aber so
gar verzweifelt, wie du meinst, ist die Sache denn
doch nicht. Vorläufig weiß es ja niemand außer dir
und mir. Führe also nur ruhig deine Untersuchung
gegen den sogenannten Gaetano Astuzzi weiter. Da
ich an der mir zur Last gelegten Strafthat in Wahr-
heit unschuldig bin, so wirst du das wohl schließlich
auch einsehen müssen und mich aus der Haft ent-
lassen. Ich gebe dir mein heiliges Wort, daß ich
daraufhin sofort wieder aus Nom verschwinden und nie
wieder hierher zurückkommen werde."
Roch immer lag Nomualdo zuckend über seinen
Schreibtisch gelehnt und war unfähig, auch nur
ein Wort zu sagen, einen einzigen klaren Ge-
danken zu fassen. Der Schlag hatte ihn zu jäh,
zu unerwartet getroffen. Seine Ahnungen von vor-
hin, die ihn mitten in der hosfnungsfreudigen Aus-
gelassenheit seiner Schwestern und Torellis be-
schlichen hatten, fielen ihm wieder ein. War das
der Sturm, der verwüstend und vernichtend durch
den zarten Blütenschmuck junger Hoffnungen und
keimenden Glückes fuhr? Sein Vater ein Bettler,
ein Dieb, ein Verbrecher! Wer würde noch von
ihm, von seinen Schwestern etwas wissen wollen?
Würde man nicht in ganz Rom mit Fingern auf
ihn zeigen, in allen Klubs, in allen Fremden-
zirkeln von dieser Geschichte zischelst und tuscheln,
und wenn er sich versetzen ließ, würde nicht über-
all, wohin er gelangte, wie sein Schatten ihm die
üble Nachrede folgen: Sein Vater war ein Lump!
Was nützte nun all sein Fleiß, seine An-
strengungen, seine Entbehrungen und all die un-
menschliche Energie, nnt der er seine Existenz auf-
gebaut und fein und seiner Schwestern Leben ficher-
gestellt hatte? Dieser Augenblick warf alles, alles
darnieder.
Was sollte nun aus ihm und seinen Schwestern
werden? Sollte er darauf eingehen, ums ihm der
aste Vagabund zuraunte? Sollte er unter Verletzung
seiner Pflicht ihn durchschlüpfen lassen, uni sich
selbst und seine Schwestern zu retten? Und wenn
er es auch thnt, war er dann gerettet? Konnte
der Mann, der vorgab, sein Vate: zu sein, nicht
leden Tag wieder anftauchcn?
Vielleicht war der Mann gm nicht sein Vater,
sondern hatte nur ein Mürcher ersonnen, um
üch die Freiheit wieoer zu verschaffen!


Endlich hob er den Kopf und sah den vor ihm
Stehenden lange prüfend an. Aber er konnte sich nicht
klar darüber werden, ob dieser die Wahrheit gesagt
habe oder nicht. Morosis Vater war aus Nom ver-
schwunden, als Nomualdo noch ein kleiner Knabe und
seine Schwestern kaum geboren waren. Seit fast acht-
zehn Jahren hatte er kein Lebenszeichen von sich ge-
geben, und nun stand plötzlich ein alter, im Elend ver-
kommener Mann, ein Verbrecher vor ihm, der be-
hauptete, sein Vater zu sein.
„Auf was stützen Sie die Behauptung, Gaetano
Morosi zu heißen?" fragte er endlich nach einer langen
Pause mit festerer Haltung, aber noch immer unsicherer,
zitternder Stimme. „Haben Sie Beweise?"
„Beweise? Du selbst, Nomualdo, bist ja der beste
Beweis."
„Ich muß bitten, möglichst genau auf meine Frage
zu antworten. Solange Sie in Haft find, haben
Sie noch keine drei wahren Worte gesprochen. Sie
lügen das Blaue vom Himmel herunter, wie können
Sie erwarten, daß gerade diese Angabe eher geglaubt
wird, als irgend eine andere?"
„Nun, an Beweisen fehlt es mir gerade nicht.
Da ist zunächst das Bild, das man mir abgenommen."
„Das Medaillon? Was ist damit?"
„Es enthält das Bild deiner Mutter, Nomualdo."
Der Untersuchungsrichter hatte das Bild, das bei
den Akten lag, schon stundenlang besehen, und das war

Konteradmiral Heißker,
Chef der nach China bestimmten Panzerdivision. (S. 41)


es ja eben, was ihn so furchtbar niedergeschmettert
hatte, als der Alte behauptete, er sei fein Vater. Das
Bild war unleugbar feiner Mutter ähnlich. Wenn er
auch nicht mehr genau wußte, wie seine Mutter als
junge Frau ausgesehen hatte, so sprach doch eine un-
verkennbare Ähnlichkeit des Bildes mit seinen Schwestern
dafür.
Er betrachtete es jetzt nochmals aufmerksam und
lange. Dann sagte er: „Selbst zugegeben, daß das
ein Bild meiner Mutter in ihren jüngeren Jahren ist,
so geht daraus doch nicht hervor, daß Sie der Gatte
meiner Mutter sind. Das Porträt könnte durch irgend
einen Zufall in Ihre Hände gelangt sein. Haben
Sie noch andere Beweise Ihrer Identität?"
„O ja. Und sogar einen ganz untrüglichen."
„Was ist's?"
„Mein Herz."
„Erklären Sie sich deutlicher."
„Als ich vor fünf Tagen zum erstenmal wieder
meinen Fuß aus römisches Pflaster setzte," fuhr der
Gefangene leiser und eindringlicher fort, „klopfte mein
Herz so gewaltig, daß ich fürchtete, auf der Straße
umzusinken. Ich hatte nur einen Gedanken, nur einen
Wunsch — meine Kinder wiederzusehen."
--- ,^Das ist doch —"
„Nur Gedulh! Ich zog also Erkundigungen ein
und erfuhr bald, dap sst 'm werten Stock des Palazzo
Righetti wohnten. Und dort , war's, wo man mich
verhaftete."
„Gewiß. Weil Sie gestohlen halten, wurden
Sie verhaftet. Aus keinem anderen Grunde."
„Würde ich mir dazu gerade das Haus aus-
gesucht haben, in dem meine Kinder wohnten?"
„Sie wollen sagen, daß Sie den Palazzo
Righetti nicht des Diebstahls wegen betraten, son-
dern aus Sehnsucht nach-nach Ihren Kin¬
dern?"
„Ja."
„Das ist aber doch auch nur eine Behauptung
und kein Beweis."
Der Gefangene erwiderte nichts, sondern zuckte
nur die Schultern. Erst nach einer kleinen Pause
sagte er langsam und zögernd: „Wenn mir der
Herr Untersuchungsrichter Romualdo Morosi nicht
glauben will, so wird es vielleicht das Richter-
kollegium thun, das mich abzuurteilen haben wird,
oder das Publikum, wenn ich in öffentlicher
Sitzung meine Angaben mache."
Romualdo starrte finster vor sich hin und
schwieg.
„Ich werde dort," fuhr der Gefangene fort,
„vielleicht eher Glauben und ----- Mitleid finden
als bei meinem eigenen Sohn!"
Wieder entstand eine kleine Pause. Nur ein
leiser Seufzer entschlüpfte dem Untersuchungs-
richter.
„Freilich, daß ich dir nicht.sehr willkommen
bin, Nomualdo, das glaube ich wohl. Das sieht
jeder ein. Aber daß du deinen armen, alten,
unglücklichen Vater so hartnäckig verleugnen kann''
das wird dir weder hier noch dort, wo alle Ur
schiede aufhören, Segen bringen."
Wenn er nun doch sein Vater war? fra
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