Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 36.1901

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des
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Die letzten Strahlen der Sonne spielten über
bunten Ausputz des Ateliers, als Annemarie zu
drei bereits Anwesenden eintrat.
Robert eilte ihr, überwältigt von der Freude
Wiedersehens, entgegen und schloß, unbekümmert
anderen, die Geliebte in

ig in der Maaßenstraße zu.
Er war von einem unwidersteh-
lichen Nuhebedürfnis ergriffen. Ihm
schien, als sei er so belastet von Ge-
dankenarbeit, daß es lange dauern
nuede, bis er einigermaßen wieder in
de. Gegenwart und mit sich im klaren sei.
Helenens Erscheinen hatte nun
>ch eine solche Fülle von Jugend-
nnerungen und fast vergessenen
mpfen in seiner Seele erweckt, daß
fi ihn zu überwältigen drohten.

„Was sollte das sein? Ein Eingriff in die Kirchen-
bücher ist doch unmöglich. Pastor Mittelsbach war
ein streng gewissenhafter junger Mann, der sich durch
niemand zu einer Pslichtwidrigkeit würde verleiten
lassen."
Helenens lebhafter Wunsch, bevor sie die Reise an-
traten, war nun, Annemarie kenn"- lernen. Sie
bar Me.vun Stockmann m chre freun^.^e ^ernmtelung,
und die Malerin, dm der Mutter Begehren natürlich
fand, erklärte sich bereit, sie und das Brautpaar in
ihrem Atelier zu empfangen.
Annemarie war glückselig, den Bann gebrochen zu
sehen, der sie von Robert trennte.

ittelsbach ging auf einen: anderen Wege
aus den: Konsultationszimmer, befahl
seinen Wagen und fuhr, kurze Zeit
nachdem Robert und feine Mutter die
Ziegelstraße verlassen
hatten, seiner Woh- —-

Elftem Kapitol'.
An: nächsten Morgen suhr Helene
mit ihrem Sohn nach Göttingen.
Ihr Herz wurde von eigentümlich
heimischen Gefühlen bewegt, als sie
am Nachmittage in der alten Univer-
sitätsstadt ankamen.
Wie genau erinnerte sie sich der
Häuser, Straßen und Plätze! Es
schien ihr alles mährend der sieben-
undzwanzig Jahre ihres Fortseinck
ziemlich unverändert geblieben zu sein.

Als Helene und ihr Sohn wieder
ruhig im Pensionszimmer saßen, be-
gannen sie zu überlegen, was nun
zunächst geschehen solle.
„Es bleibt nichts anderes übrig,
als mit dir nach Göttingen und Thal-
hausen zu fahren," sagte die Mutter.
„Anton wird kaum noch dort sein,
aber nur tonnen seinen Aufenthalts-
ort erfragen. Sein Zeugnis und ein
Auszug aus dein Kirchenbuche werde
ich mir bald verschaffen können. Viel-
leicht finden sich auch noch einige alte
Bekannte, die in mir die einstige
Helene Merlin wiedererkennen. Ich
rechne freilich nicht stark darauf, denn
wir haben sehr zurückgezogen gelebt.
Der Justizrat, bei dem Emil arbeitete,
und der sich immer wohlwollend gegen
uns erwies, war damals schon ein
hoher Sechziger. Auch der Geistliche,
der mich konfirmierte, war ein alter
Herr. Aber ich habe immer den
Pastor Anton Mittelsbnch als un-
widerleglichen Zeugen. Halte ich dann
die sicheren Beweise für unsere Ehe in
der Hand, fo kann ich Paul zwingen,
zu thun, was ich will. Die Drohung,
unsere Sache den: Staatsanwalt zu
übergeben, wird ihn schon gefügig
stimmen."
„Sein ganzes Verhalten ist mir
rätselhaft, Mutter. Wenn nur nicht
doch irgend etwas vorliegt, was ihm
diese Sicherheit giebt?"

Blutter zu: „Hier ist sie,
meine teure Blutter."
in die gvmsfneteii A^ne

die Gegen"-"ü der beiden
seine AoM. 'i
Dann führte er sie seMvr
meine süße Kleine, und das
Das Mädchen warf sich
Helenens, die sich zärtlich zu ihr neigte un^, Msterte:
„Mein liebes, liebes Kind, sei mir herzlich willkomnm.-
O, wenn wir nur erst alle Hindernisse aus dem Wege
geräumt hätten!"
_. „Wie freue ich mich, daß du mich
gern haben willst," erwiderte Anne-
marie, sich innig an die Brust der
Frau schmiegend. „Du liebe, gute
Mutter — seine Mutter!"
Nach der ersten Erregung saß
Helene Hand in Hand mit dem lieb-
lichen Mädchen auf dein Diwan in
der Theeecke der Malerin, während
diese mit lustigen Scherzreden der
Stimmung alles Feierliche nahm und
ihre Gäste bediente.
Robert blickte entzückt auf seine
Mutter und Annemarie. Er fühlte sich
getröstet; es konnte ja nicht anders
sein, als daß er sich die Braut er-
ringe. Und wie beglückend würde es
sein, wenn die Geliebte sich dauernd
so zärtlich seiner Mutter anschloß.
Er sah es beiden an, daß sie ein herz-
liches Gefallen aneinander fanden, und
er meinte, es könne kein Kampf und
keine Mühe zu groß sein, das liebe,
süße Kind sich zu gewinnen.
Annemaries ängstliche Fragen,
was denn Robert eigentlich so lange
fern gehalten, und weshalb der Vater
ihn wieder so unfreundlich ausgenom-
men habe, wurden von Robert und
seiner Mutter ausweichend beantwor-
tet, mit dem Hinzufügen, sie hätten
den besten Mut, daß noch alles gut
werden könne.
So vergingen die Stunden für
alle freudig und genußreich.

Tenzesboten. Nach einem Gemälde von I Vcrtzik.

Eiue Lebenssim-e.
Kommt voll K. mm der Elbe.
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