Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 36.1901

Page: 95
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1901/0101
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Heft 4. Illustrierte Familien-Zeitung. Sahrg. Mi.


Der Untersuchungsrichter.
Roman non H. v. Heldrungen.

ie wollen wir die Hand Giovannas also ver-
weigern, Herr Commendatore, rinsere Herzen
brechen?" fragte der Marchesino.
„Selbstverständlich," erwiderte Righetti ruhig.
„Ich will sogar noch mehr. Wenn ich nur
Nein sagen wollte auf Ihre Anfrage, so hätte
ich mich kürzer fassen können, aber ich will Ihnen gleichzeitig
klar machen, daß und warum Ihre Wünsche in Bezug auf Gio-
vanna, oder sagen wir richtiger in Bezug auf mein Vermögen,
unmöglich zu verwirklichen sind, und daß Sie niemals, wenig-
stens so lange ich lebe, auf irgend welches Entgegenkommen zu
rechnen haben. Die Folgen, die für Giovanna daraus entstehen,
vertrete ich, was für Sie kommt, vertreten Sie! So, Herr
Marchese, jetzt sind wir fertig."
„Sie schneiden mir jede Hoffnung ab, Herr Commendatore?"
fragte Nodolfo noch einmal mit gesenktem Blick.
„Jede," erwiderte Righetti energisch, „und ich bin nur des-
halb so ausführlich gewesen, um Ihnen verständlich zu machen,
warum Sie auch in Zukunft nichts zu hoffen haben."
Mechanisch erhob sich der Marchesino von seinem Stuhl,
mechanisch setzte er das Monocle aus und machte eine steife Ver-
beugung. Es wäre unmöglich gewesen, zu sagen, was er wohl
in diesem Augenblick dachte. Vielleicht dachte er gar nichts.
Vielleicht war er in diesem Moment, da er das ganze Karten-
haus seiner Hoffnungen zusammenstürzen sah, so verblüfft, daß
er überhaupt nichts zu denken vermochte. Seine Augen hatten
einen leeren, kalten Ausdruck, das Gesicht war blaß, regungs-
los — der ganze Mann erschien wie eine gut gemachte Puppe.
Erst als er über den Teppich Hinwegschritt und im Begriff
war, das Zimmer zu verlassen, drehte er sich unwillkürlich noch
einmal nach Righetti um, und dabei schillerten seine grünlichen
Augen und verrieten einen giftigen Haß.
Als der Marchese in die kleine Garderobe trat, die an den
Flur stieß, sah er, daß der nut der Aufwartung betraute
Diener eingeschlafen war. Der alte Mann saß auf seinem Sessel,
hatte die Lampe, die den Raum erhellte, etwas tiefer geschraubt
und die Beine lang von sich gestreckt.
Nodolfo blieb einen Augenblick sinnend stehen und besah
ihn. Seine Augen und die ganze Haltung verrieten eine Auf-
regung, eine fieberhafte innere Thätiakeit, die im vollständigen
Gegensatz zu der apathischen Verblüffung stand, die er soeben
im Zimmer des Commendatore gezeigt hatte. Jedenfalls war
dem Marchesino die Denkfähigkeit in ganz bedeutenden: Maße
zurückgekommen.
„Pippo!" rief er den Diener an.
Dieser fuhr auf und rieb sich die Augen.
„Ah, Herr Marchese, ich bitte tausendmal um Entschul-
digung"
„Ist gar nicht nötig, alter Freund. Meinen Hut. Ich will
gehen."
„Nun, Herr Marchese," fuhr der Diener vertraulich fort,
indem er ihm Hut und Stock reichte, „wie steht's? Darf man
gratulieren?"
Nodolfo sah den Mann prüfend an. „Gratulieren darfst du



Heneratfetdnrarfchall Graf Alfred v. Wakderfee, Hberbefehkshaber der verbündeten Hruppen in Glima.
Nach einer Photographie von Julius Braalz, Hofphotograph in Berlin. (S. 102)
loading ...