Buchner, Ernst; Jantzen, Hans [Honoree]
Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit: [Hans Jantzen zum 70. Geburtstag] — Berlin, 1953

Page: 47
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1 cm
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men habe. Obgleich dieTafel, die kurz nach ihrem Auftauchen für das Germanische Nationalmuseum er-
worben wurde, von andern Forschern als Werk eines Nürnberger Meisters angesprochen wurde, sehe ich
keinen Grund, von meiner, wie ich glaube, wohl begründeten Zuweisung abzuweichen. Die sehr persön-
liche, nervig beschwingte Formgebung und die leuchtkräflige, temperamentvolle Malerei sprechen ent-
schieden für die Fiand des Meisters W B. Die Bildfügung wirkt straff und selbstverständlich, nur ist
zu beachten, daß die Tafel links um 1—2 cm verkürzt ist. Das frische, aber gebändigte Kolorit lebt von
dem komplementären Kontrast: Warmgrün (Grund) und Bräunlichrot (Gewand). Das Bräunlichrosa des
blanken Antlitzes und das hier zart bläulich, dort rötlich geschattete, blinkende Weiß der Fiaube haben
einen metallischen Schimmer. Die schwungvoll gekurvte Haube mit dem gesteppten Saum und das
zügig fallende Haubentuch, das sich vor der Brust nach links zur Schulter kurvt, rahmen das scharf
profilierte Gesicht, das wie eine gemilderte Auflage der krummnasigen Frankfurterin (Abb. 34) wirkt.
Das markante, nicht gerade sympathische Antlitz sitzt auf einem mageren, hart gekerbten Hals, der aus
dem knappen Halsausschnitt aufsteigt. Die Grate, Eckbrüche und Faltenaugen der halbsteif geplätteten
Haubentücher sind feurig pointiert. Die schlicht in der rechten Ecke untergebrachten Hände, deren rechte
ein bescheidenes Rosenkränzlein hält, sind farbig gedämpft und machen dem Antlitz keine Konkurrenz.
Die feste kompositionelle Basis der Halbfigur ist durch den rechten Unterarm, der dem unteren Bildrand
entlangzieht, gegeben. Die reife Malerei und die Klarheit der Fügung scheinen für ein vergleichsweise
spätes Datum — um oder kurz nach 1490 — zu sprechen, obwohl die Tracht auch eine frühere Datie-
rung erlauben würde. Jedoch — es hat nicht den Anschein, als würde die Dargestellte der neuesten Mode
nachgelaufen sein.

33. MEISTER W B, Bildnis eines Mannes.

Der mit großen Augen den Beschauer anblickende Jerusalemfahrer (Abb.31) schließt sich in Auffassung,
Form und Farbigkeit so eng an das Frankfurter Ehepaar (Abb. 33,34) an, daß seine Herkunff ausderHand
des Monogrammisten WB keinem Zweifel unterliegen kann. Als dieTafel auffauchte, wurde sie vonFried-
rich Winkler sofort richtig bestimmt. Das Bildnisschema (dunkler, krapprot gemusterter Golddamast-
teppich, Landschaftsausblick) kehrt verwandt, aber doch nicht unwesentlich modifiziert wieder. Unten
ist eine schmale Mauerbrüstung, auf der die locker gewölbten Finger der linken Hand liegen, einge-
fügt — und die Wand mit dem hellfarbigen Landschaftsausblick verkürzt sich steil. Auf dem Wasser-
schlag der alten Rahmenleiste ist das genaue Entstehungsdatum (24. April 1487) aufgemalt, während auf
den seitlichen Rahmenleisten links das Wappen von Jerusalem, rechts das Zeichen des Zypernordens an-
gebracht sind. Die rechte Hand hält ein kostbares Perlenkreuz mit Kettlein, ähnlich, doch nicht iden-
tisch mit dem Kleinod, das die herbe Frankfurterin (Abb. 34) präsentiert. Auf dem Reif des Siegelrings
(rechter Daumen) ist ein römisches R gemalt. Die Senk- und Waagrechten von Brüstung und Fenster-
laibung festigen die diagonal ansteigende Gestalt. Die grauschwarze, turbanähnliche Filzhaube, unter der
die Flechten des langen, fahlbraunen Haares vorkommen, verdeckt die halbe Stirn. Die bequeme, grau-
schwarze Schaube ist mit graubraunem Pelz verbrämt und gefüttert. Merkwürdig große, sinnend auf
den Beschauer gerichtete Augen, feste, gedrungene Nase; die Partie über dem fein empfundenen Mund
rasiert, während das Untergesicht ein lockerer Kinn-Backenbart umsproßt. Ein Mann, der sich in der
Welt umgesehen hat. Das vergleichsweise große Haupt sitzt etwas schwer und geduckt auf dem in
einer pelzgefütterten, schwarzen Schaube steckenden Oberkörper.

Auf der Rückseite der Tafel (Textabb. 6) sitzt vor blauem Himmel auf einer Felsbank ein langbärtiger

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