Buchner, Ernst; Jantzen, Hans [Gefeierte Pers.]
Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit: [Hans Jantzen zum 70. Geburtstag] — Berlin, 1953

Seite: 170
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DAS DOPPELBILDNIS

195. SEESCHWÄBISCHER (?) MEISTER UM 1455, Bildnis des Grafen Wilhelm Schenk von Schen-
kenstein und der Agnes von Werdenherg.

Das frühesteDoppelbildnis der altdeutschenMalerei(Abb. 195), das denGrafen Wilhelm Schenk vonSchen-
kenstein undAgnes vonWerdenberg auf einer steinernenAltane zeigt,ist kaum eineSpanne hoch(14,9cm)
und wirkt auf den ersten Blick wie eine Miniatur, obwohl es auf Tannenholz gemalt ist. Jedoch scheint m r
der eigenartige Bildtypus eher von einem Wandbild, etwa einer Stammbaum-Freske, auf der sich die
Paare in Nischen zusammengefaßt gereiht haben mögen, als von einer Miniatur angeregt zu sein. Die
energische Gliederung der gelblich grauen Steinaltane mit eingetieften Feldern und den kräftigen Profilen
erinnert an freskale Architekturmalerei. Die kräftigen Tinkturen der Wappen (Schenkenstein: Schwarz
auf Weiß; Werdenberg: Weiß auf Rot) bringen die festlich-schmuckhafte Note in das Täflein. Die bei-
den zierlichen Halbfigürchen tauchen aus dem purpurroten, primitiv, aber wirkungsvoll verkürzten
Steinkasten auf, wobei durch die Schattenschläge der Gestalten das Täfelchen räumlich amüsant belebt
wird. Man denkt etwa an einen wappengeschmückten Söller, in dem das gräfliche Paar Platz genommen
hat, um einem Gestech zuzuschauen. Jedoch der gemeinsame rote, starke Schlagschatten werfende Rosen-
kranz mit dem Korallen-Anhänger revidiert sofort diese zu romantische Deutung. Spielerische, grazile
Hände fingern an den großen Perlen der meterlangen Paternosterschnur. Wilhelm IV. Schenk zu Schen-
kenstein trägt über der schwarzen Pelzschaube das perlgraue Band des Arragonischen Kannenordens. Ein
hoher schwarzer Stehkragen und ein graugelblicher, flacher Strohhut mit großer Krempe vervollständigen
die vornehme, reichlich unbequeme Hoftracht. Blonde Locken rahmen das scharf markierte Antlitz mit
der beherrschenden Nase, dem etwas blasierten Mund und dem pointierten Kinn. Seine Gemahlin Agnes
von Werdenberg, die schon im Dezember 1441 als Witwe Ludwigs XI. von öttingen erwähnt wird,
trägt ein hoch geschlossenes, perlgraues Kleid, das von dem bestickten Gürtel straff in radialen Falten
zusammengefaßt wird und die tief liegende, respektable Büste voll zur Geltung kommen läßt. Blonde
Flechten kommen unter dem flach über dem Kopf lagernden Tuch vor, das über die Schulter zur linken
Hand niederfällt. Kräftige Schlängelfalten gliedern die Ärmel. Agnes war keine Schönheit und der spröd
und spitz charakterisierende Konterfetter kein Schmeichler. Sie scheint geweckten, munteren Geistes ge-
wesen zu sein, wofür die schnippisch vorspringende, spitze Nase und der lebendig geschürzte Mund spre-
chen. Wir wissen nicht, wann das Paar Hochzeit gehalten hat. Wohl kurz nach der Jahrhundertmitte.
Wilhelm von Schenkenstein ist 1468 gestorben. Die beiden stilistisch eng mit dem Doppelbildnis ver-
wandten Heiligentäfelchen, die Stange mit Recht dem gleichen Meister gegeben hat 1 , mit ihrem herben,
scharfbrüchigen Faltenwerk lassen eine Datierung ins sechste Jahrzehnt — etwa 1455 — gerechtfertigt
erscheinen. Mit dem seeschwäbischen, höchst wahrscheinlich Konstanzer Meister der Anbetung der Könige
(München, Nationalmuseum) zeigen die wesentlich später entstandenen Täfelchen des Bildnis-Meisters
keinen unmittelbaren Zusammenhang, doch dürfle auch er im südwestlichen Schwaben beheimatet sein.

196. ULMER MEISTER UM 1460—70, Bildnis eines stehenden Brautpaares.

Man zögert zunächst, das reizvoll-liebenswürdige „Brautpaar vor dem Blütenhag“ (Abb. 197), das 1932
aus der Sammlung Schützenberger, Straßburg, für dasMuseum vonCleveland erworbenwurde,beidenBild-

1 A. Stange, Deutsche Malerei der Gotik IV, 1951, S. 31, Abb. 35, 36.

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