Caetani Lovatelli, Ersilia
Antike Denkmäler und Gebräuche — Leipzig, 1896

Page: 39
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caetani1896/0043
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
39

und aus vornehmem Geschlechte, er jedoch arm und
unbekannt war. Das Verbot aber entzündete ihre
Leidenschaft nur um so heftiger, und das Mädchen
entschloss sich, dem väterlichen Hause zu entfliehen
und heimlich mit dem Geliebten zu leben. Schon
nach kurzer Zeit wurde sie von ihren Eltern entdeckt,
zurückgeführt und in sicheren Gewahrsam gebracht,
damit sie das Unternehmen nicht erneuere. Das
Mädchen wurde darüber von so qualvollem Schmerz
befallen, dass es starb; ihr Leichnam wurde, in reiche
Gewänder gehüllt, mit Blumen und Wohlgerüchen be-
deckt, mit allen Ehren in einem schönen Grabmal
beigesetzt.

Während dessen weilte Machates, von dem Todes-
falle nichts wissend, allein und trostlos in seiner Be-
hausung, als er plötzlich in der Nacht nach dem Tode
der Philinnis seine Geliebte mit einer Lampe in der
Hand, Todtenblässe auf dem Antlitz, in sein Gemach
treten sah. Da er sie noch am Leben glaubte, eilte
er auf sie zu und verbrachte den grössten Theil der
Nacht mit ihr unter Küssen und Liebkosungen. Kaum
jedoch überzog der erste Dämmerschein den Himmel,
so erhob sich Philinnis vom Lager und entschwand
den Blicken des Geliebten.

Als die Mutter von der seltsamen Erscheinung
unterrichtet wurde, die sich jede Nacht wiederholte,
begab sie sich in das Haus des Machates, wo sie beim
Mondlicht die beiden Liebenden durch eine Thürspalte
erblicken konnte, wie sie im Hintergrunde des Zimmers
in enger Umarmung ruhten. Den nächsten Tag Hess
sie den Jüngling zu sich kommen und erfuhr auf Be-
fragen, dass Philinnis ihn jede Nacht besuche, was
Niemand befremden dürfe, meinte er, da sie seit
loading ...