Caetani Lovatelli, Ersilia
Antike Denkmäler und Gebräuche — Leipzig, 1896

Page: 87
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und Münzen in den Strom warfen. Weil das Nil-
wasser als heilig erachtet wurde, findet man in einigen
Grabinschriften den frommen Anruf an den Todten
gerichtet: „Möge Osiris ihm das frische Wasser reichen",
d. h. das kühlende Wasser des Nils, indem Osiris und
der Nil oft als eins betrachtet wurden. Mit Gaben
und Opfern ehrten die Phönicier den Dagon, eine
Gottheit, die halb Mann halb Fisch war, und die
Syrer die Derketo, ein Wesen halb Weib halb Fisch.
Die babylonische Religion entnahm dem Meeresschosse
ihre Fischorakel. Man sagt, dass die ursprünglichste
babylonische Cuitur dem Oannes zu verdanken sei,
einem Ungeheuer, halb Mann halb Fisch, das jeden
Morgen dem Meere entstieg und Abends wieder in
dasselbe hinabtauchte, wozu ich beiläufig bemerken
möchte, dass auch die Fische im Brunnen des Apollo
Surius in Lycien, welche durch anhaltende Flötentöne
an die Oberfläche des Wassers gelockt wurden, gute
oder böse Zeichen gaben, je nachdem sie das ihnen
zugeworfene Fleisch frassen oder verschmähten.

Bei den Ariern findet man den Glauben, dass
das Wasser der Urgrund und die Allmutter des
Lebendigen sei; diesen Glauben besassen sie schon
in der Zeit der Veden, lange bevor in der Kosmogonie,
die das Buch des Manu einleitet, die Gewässer als
die erste Schöpfung Brahma's geschildert werden,
welcher dort „der sich im Wasser bewegende" ge-
nannt wird. Das Wasser wurde auch deshalb ange-
rufen, weil es vom Himmel kommt und gegen Krank-
heiten und Übel hilft.

Die Fluthen des Ganges, des heiligen Stroms
Indiens, werden noch heute als reinigend angesehen;
daher der Brauch, die Kranken hineinzutauchen und
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