Curtius, Ernst [Editor]; Kaupert, Johann A. [Editor]
Atlas von Athen — Berlin, 1878

Page: 17
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BLATT III.

DAS SÜDWESTLICHE ATHEN.

Im Maassstab von i: 4000 ist hier der gebirgige Theil des
Stadtbodens von Athen dargestellt. Es ist ein zusammen-
hängendes Felsgebirge, das sich in Form eines beinahe
gleichschenklichen Dreiecks von NO. bis SW. erstreckt.
Die Grundlinie desselben zieht sich vom Philopappos bis
zur Sternwarte hin (744,91 M.). Auf dieser Linie fällt es
mit steilem Rande gegen Areopag und Akropolis ab, die
wie zwei vorliegende Felsinseln aus der Ebene aufsteigen,
während es sich nach SW. mit langgezogenem Höhen-
rücken gegen den Ilissos abdacht. Die Spitze des Drei-
ecks bildet der südwestliche Felsvorsprung hart über
dem Rande des Dissosbettes, dessen Abstand von jedem
der beiden Gipfelpunkte (Philopappos-Denkmal und Stern-
warte) ungefähr 1100 Meter beträgt.

Diese im Grundriss dreieckige Bergmasse wird durch
zwei Einschnitte in drei Theile gegliedert. Eine flachere
Furche sondert die Sternwartenhöhe von der dem Areopag
gegenüber gelegenen sog-enannten Pnyx (d. h. der Hohe,
welche durch die grosse Terrassenanlage ausgezeichnet
ist, die man sich gewöhnt hat Pnyx zu nennen); sie wird
durch einen tieferen Einschnitt vom Philopapposberge
geschieden, dem Kernstück des ganzen Gebirges, welches
sich auch, während die beiden anderen Höhenzüge sich
bald verflachen, in einem schmalen, dammartigen Fels-
rücken von 400 M. Länge gegen SW. fortsetzt und sich
dann noch einmal zu einer breiten rundlichen Felsmasse
erweitert, die wir als letzten Ausläufer des ganzen Berg-
dreiecks diesseits des Ilissos bezeichnen können.

Diese ganze Bergmasse, die jetzt fast nur als Ziegen-
weide und als Steinbruch benutzt wird, ist dadurch aus-
gezeichnet , dass hier der Boden der alten Geschichte,
unverschüttet und unbebaut, vor uns liegt, mit unzähligen
Spuren alter Ansiedelung, so dass wir hier, und nur hier,
eine Anschauung davon gewinnen können, wie sich die
alten Athener auf ihrem Boden eingerichtet haben. Des-
halb war eine Darstellung dieses Terrains in grösserem
Massstabe ein dringendes Bedürfniss.

Natürlich waren nicht alle Theile gleichmässig be-
baut. Die schroffen Abhänge waren unwohnlich, und von
den dem Nordwinde ausgesetzten Bergkanten zog man
sich in die geschützteren, der Seeluft offenen Senkungen,
welche zugleich die wichtigsten Verkehrsadern waren.

Deshalb finden wir die dichtesten Spuren des Alter-
thums an beiden Seiten des Hohlwegs, der sich zwischen
*Pnyx' und Philopappos von H. Demetrios an hinabzieht.
Sie folgen dem durch alte Wagengeleise und Wasser-
rinnen kenntlichen Wege, sie erweitern sich an allen
breiteren Stellen; sie ziehen sich an beiden Abhängen
hinauf, deren Absätze durch schmale Fusswege so wie
durch Treppen mit einander verbunden sind, und sie er-
strecken sich in gerader Linie über den Felsdamm, welcher

den letzten Vorsprung mit dem Philopappos verbindet.
Es ist kein zur Anlage bescheidener Wohnräume geeig-
neter Platz unbenutzt geblieben.

Wenn man diese Spuren des Alterthums, von denen
hier zuerst ein anschauliches Bild vorliegt, betrachtet, so
kann kein Zweifel darüber sein, dass hier nicht zufällige
und gelegentliche Felsbearbeitungen vorhanden sind, son-
dern zusammenhängende Ueberreste menschlicher An-
siedelungen, die sich einander gegenüber an beiden Ab-
hängen hinaufzogen und sich weiter nach SW. hin auf
den niedrigen Felsrücken erstreckten.

Eine zweite Gruppe von Wohnungsspuren, welche
wiederum ein Ganzes bildet, liegt oberhalb des Hohlwegs,
welcher den Sternwartenhügel von dem der 'Pnyx' trennt,
und zwar liegt die dichteste Gruppe an den Abhängen
des Rückens, in welchem die beiden Felshügel zusammen-
wachsen. Man erreicht sie am bequemsten, wenn man,
von der Akropolis kommend, bei der Demetrioskapelle
rechts abbiegt und an dem Rande der Stadtmauerreste
entlang gegen Westen geht.

Von hier ziehen sich geradlinige Grundspuren quer
durch die Schlucht nordwärts auf die jenseitigen Abhänge
hinüber; doch finden sich hier nicht so dichte Gruppen,
und man hat den Eindruck, dass die westlichen Abhänge
des Sternwartenhügels, die besonders höhlenreich sind
und gegen Norden mit der Barathronschlucht schroff ab-
stürzen, weniger dicht bewohnt gewesen sind.

Von diesen zwei Hauptgruppen abgesehen, finden
sich überall, wo Felsboden zu Tage liegt, mit Ausnahme
der Hochfläche der Akropolis, zahlreiche Spuren von
Felswohnungen, entweder in grösserer Anzahl vereinigt,
wie auf dem Höhenrücken, der von der Sternwarte gegen
Osten vorspringt, dem Hügel der Hagia Marina, und
weniger dicht auf dem Areopag, oder reihenweise am
östlichen Saum der 'Pnyx' und Philopapposhöhe. Am
dichtesten ist die Gruppe am Ostrande der Pnyx, nördlich
von der Demetrioskapelle.

Im Ganzen aber erscheinen diese Wohnungsspuren
mehr sporadisch und vereinzelt; denn die Hauptrichtung
der auf dem Felsboden angesiedelten Bevölkerung war
ohne Zweifel die nach der See, und die natürlichen Ver-
bindungswege zwischen Akropolis und Küstenland sind
offenbar diejenigen, um welche sich am dichtesten die
alten Wohnungen zusammen drängten.

Wenn hier von Ansiedelungen die Rede ist, deren
Spuren irn Felsboden eingegraben sind, so sind damit
zunächst die Wohnungen grösseren und kleineren Um-
fanges gemeint, welche durch Ueberreste von Querwänden
eine planvolle Raumbenutzung bezeugen und sich dadurch,
sowie durch Reste alter Stuckbekleidung unverkennbar
von allen Felsbearbeitungen unterscheiden, die nur als

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