Curtius, Ernst [Editor]
Die Ausgrabungen zu Olympia (Band 4): Übersicht der Arbeiten und Funde vom Winter und Frühjahr 1878-1879 — Berlin, 1880

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III. ERGÄNZUNGEN UNI.) BERICHTIGUNGEN ZUM WESTGIEBEL-ENTWURF.

XXVI—XXVII. Die in Capilel III. des vorigen Bandes
ausgesprochene Erwartung, dass der Fortgang der Aus-
grabungen im Winter 187S—79 unsere Einsicht auch in die
Composilion des Westgiebels bereichern und berichtigen
werde, ist in vollem Maasse in Erfüllung gegangen. Sic hat
sich erfüllt, trotzdem dass der Schwerpunkt der Skulpturen-
suche in der vorigen Ausgrabungsperiode im Osten lag, wo
ein überaus reiches Material an späten TrÜmmerbauten be-
stimmtere Anhaltspunkte für die Forschung nach Skulptur-
resten vom Zeustempel darbot, als der Westen.

Von der Hauptausbeute, welche unsere Grabungen in
dem grossen Gebiete vor und auf den Osthallen in dieser
Beziehung gewährt haben, sind auf unseren Tafeln diu
wichtigsten Stücke bereits veröffentlicht worden. Im Ganzen
belicf sich unser Gewinn auf drei Giebel- und fünf Metopen-
köpfe, dam sehr zahlreiche Gliedmaassen, Rumpfslücke und
Gcwnndfragmente von den Tempelsculpturen. Unter diesen
im Osten ausgegrabenen Staluemhcilen aber befanden sich
zu. unserer Ücberraschuug fast ein Dutzend grösserer Frag-
mente, welche sich als zur westlichen Giebclgruppe gehörig
recognoscireu liessen. Dieselben sind offenbar so weit ver-
schleppt worden, weil im Osten die Ansiedelung so dicht
geworden war, dass das Material hier auszugehen anfing
und man sich genöthigt sah, auch das Gebiet vor der West-
front des Tempels zu plündern, das damals ganz voll zer-
schellter Gicbclsiaiuen lag. Wie beträchtlich die Ausbeute
war, überblickt man leicht in dem Verzeichniss der neuge-
wonnenen Wcsigiebelthcile, welches diesem Capilel unter
Hinzufßgung der Fundorte angehängt worden ist.

Erst gegen das Ende der Campagnc ergaben sich für
eine Forschung nach Gicbelthcilen auch im Westen bestimmte
[„dielen. Eine Aufräumung in der Südwestecke der Altls
lieferte in dieser Beziehung fast lediglich negative Resultate;
dafür stiess aber ein zu der Westecke der l'alästra hinge-
führter Graben im Norden der byzantinischen Kirche auf
dichte Trümmermauern, welche in der TMi mehrere Wcst-
giebel- und Wcstmotopcn-Slücke enthielten. Die wichtigsten
derselben sind ebenfalls bereits auf den vorstehenden Tafeln

mitgcthcilt worden; es waren das der Amazonenkopf aus der
Wcstmetopc (Taf. XIII b) und das Mals- und Kopffragment
der knieenden Lapithin E (Taf. Xb). Von den übrigen neu-
gefundenen Statuentheilen ans dem Westgiebel soll im Nach-
stehenden, so weit sich dies vorläufig mit Worten thun lässt,
Rechenschaft abgelegt werden.

Der Aufbau des Ganzen, wie er aul Tafel XXVI—XXVII
des vorigen Bandes projeclirt war, hat dem Zustrom der neuen
Funde unerschüttert Stand gehallen; er ist sogar durch die
Auffindung mancher Zwischenglieder noch fester zusammen-
gewachsen. Im Einzelnen aber, und zwar in sehr wichtigen
Punkten, ist er durch neue ThatSacnen berichtigt wor-
den. Da aber diese Irrthu ms Überführungen nicht für den
zunächst Betheiligten allein besonders lehrreich waren, so
beginne ich mit der Erörterung gerade dieser Punkte.

1. Bei der MittolfigurL hat sich die Zuweisung der
rechten Hand als falch herausgestellt. Die richtige an den
Unterarmbruch genau anpassende Hand ist gefunden, und
zwar vor der Ostfront, wo unsere Vorgänger auch den Arm '
ausgegraben hatten. Die Finger fehlen zwar, aber aus der
erhaltenen Handfläche geht deutlich genug hervor, dass
dieselben ausgestreckt waren. Die Hand hielt mithin nichts,
und alle Schlüsse, welche auf tlie Voraussetzung gebaut waren,
dass die Mittelfigur den Kentauren bei den Haaren gepackt
habe, sind damit hinfällig geworden. Die Bewegung von
Arm und Hand scheint jetzt kaum anders gedeutet werden
zu können, wie als Geberde des Schutzes.

Da dieselbe aber doch nur der angegriffenen Braut gelten
kann, so ändert dies nichts an der vorgeschlagenen Aufstel-
lung der Euryliongruppe unter dem rechten Arme der Mittel-
figur, bestätigt dieselbe vielmehr. Was dagegen von diesem
neuen l-'undc ganz wesentlich beeinfiussi wird, tlas ist die
Deutung der schützenden Gestalt. Man mochte es eines
Gottes unwürdig linden, hier thätlich in den Kampf einzugreifen
und daher lieber mit Pausanias an den Peirithoos denken;
jetzt wird OS wohl kaum mehr Jemand dem Bräutigam zutrauen,
dass er sieh begnüge, in dem Augenblicke, wo seine Braut
ihm durch einen trunkenen Kentauren vom llochzeitsmahle
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