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ANHÄNGE • MÜNSTER UNSERER LIEBEN FRAU

I. ERHALTUNG DER GLASMALEREIEN IM MUNSTER

Auszug aus:
Tag für Denkmalpflege und Heimatschutz Freiburg i. Br. 1925.
Stenographischer Tagungsbericht, Berlin 1926, S. 78-98*
* Das Thema war Gegenstand der ersten Sitzung des Tags für
Denkmalpflege und Heimatschutz, die am 21. September 1925
unter dem Vorsitz von Geheimrat Professor Paul Clemen - Bonn
im Kaisersaal des Historischen Kaufhauses stattfand.
Vorsitzender: Und nun, meine Herren, gehen wir mit ungemin-
derter Auffassungsfähigkeit und, wie die zahlreichen Zaungäste
zeigen, mit erhöhtem Interesse zu dem nächsten aus dem Kom-
plex der Münsterarbeiten zuerst herausgegriffenen ersten Thema:
»Erhaltung der Glasmalereien im Münster« über, wozu Herr
Professor Sauer die Güte haben wird, die einführenden Bemer-
kungen zu machen.
Professor Dr. Sauer - Freiburg: Herr Staatspräsident! Meine
Damen und Herren! So wünschenswert eine gründliche und all-
seitige Erörterung und Beleuchtung der gerade hier am Orte so
viel und so lange verhandelten, aber nicht nach nur allgemeinen,
sondern auch individuellen Grundsätzen beurteilbaren Fragen
gewesen wäre, muß ich mich angesichts der vorgerückten Zeit
mit einigen kurzen Bemerkungen hier begnügen.
Neben der Instandsetzung unseres Münsterturmes stellen die
Arbeiten an den Glasmalereien des Langhauses unseres Mün-
sters zweifellos die wichtigste, die Denkmalpflege auch am mei-
sten interessierende Aufgabe unseres Münsters dar.
Das Interesse für diese Frage ist im Laufe der letzten vier, fünf
Jahre durch eine intensive Polemik auch weit über unser Land
hinaus geweckt, hier am Ort zeitweise leidenschaftlich gesteigert
worden. Daß der Areopag unserer Tagung zu diesen Instand-
setzungsarbeiten grundsätzlich Stellung zu nehmen hat, ist eine
einfache Selbstverständlichkeit; daß er im Geiste seiner Tradition
die ganze Frage eingehend prüft und die individuelle Lagerung
dieses Falles berücksichtigt, ist nicht minder selbstverständ-
lich. Ein Urteil über Notwendigkeit und Ausfall von Eingriffen
kann doch erst gebildet werden, wenn der Krankheitszustand,
den es zu beurteilen gilt, zuverlässig erkannt ist. Im vorliegen-
den Falle ist eine derartige Diagnose um so notwendiger, als
selbst hier am Ort die seltsamsten Vorstellungen über elemen-
tare Einzelheiten sich festgesetzt haben. Man hat es seiner-
zeit trotz Monierung leider unterlassen, die Oeffentlichkeit
über den Zustand der alten Fenster, über die Maßnahmen, die
zu ihrer Wiederherstellung in Aussicht genommen waren, recht-
zeitig und hinreichend aufzuklären. Eine solche Aufklärung
ist aber auch für Außenstehende um so dringlicher, als der
Zustand unserer Glasmalereien im Längshaus des Münsters
so eigenartig war, wie er wohl in keinem anderen Baudenk-
mal wieder anzutreffen sein wird, und als er Seltsamkeiten und
Krankheitssymptome enthielt, die mit einfachen grundsätz-
lichen Entscheidungen nicht aus der Welt zu schaffen waren.
Worauf Sie Anspruch haben, in diesem einleitenden Bericht Auf-
schluß zu bekommen, das ist die Frage nach dem bisherigen
Zustand der Fenster, weiter die über den rein geschäftlichen

Hergang ihrer Instandsetzung und schließlich die Art und Weise
dieser Instandsetzungsarbeiten.
Ich beschränke mich ausschließlich auf die zwei ersten Punkte,
über die ich Ihnen in aller Kürze an Hand der Akten Auskunft
gebe. Ueber den letzten, über die Art und Weise der Instand-
setzungsarbeiten, muß Ihnen der mit der Aufgabe betraute Mei-
ster selber Rede und Antwort stehen, vor den Fenstern. Ein Wort
hierüber zu sagen, steht mir nicht zu, da ich in den entschei-
denden Zeiten der Arbeit mit der Sache weder näher vertraut
gemacht, noch auch amtlich befaßt war.
Der Bestand der Glasmalereien unseres Münsters verteilt sich
auf drei verschiedene Epochen: auf die spätromanische, der die
Fenster im Querschifflügei und Reste des romanischen Chores
angehören, die nach dessen Niederlegung zu Anfang des 16. Jahr-
hunderts an verschiedenen Stellen des Münsters mitverwendet
worden sind; auf die hochgotische des 14. Jahrhunderts, der die
Langhausfenster zuzurechnen sind, und auf die spätgotische zu
Beginn des 16. Jahrhunderts, der die Fenster des Chorumganges
und die Hochfenster im Chor angehören.
Uns interessiert nur der Bestand der Langhausfenster bzw. Quer-
hausfenster, deren Schicksal sich bereits am Schlüsse des 18. Jahr-
hunderts vorbereitet und in der Hauptsache vor rund hundert
Jahren entschieden hat. Die Rokokozeit, die, wie überall, auch
hier nach lichten Räumen verlangte und gefunden hatte, daß
diese Lichtabschlüsse des Mittelalters, um die Worte Geisingers
vom Jahre 1787 zu gebrauchen, »sehr finster schweer und tumm
macheten«, entfernte sie und setzte helles Glas ein. Aber schon
nach einem Menschenalter trat in den Anschauungen ein Mode-
wandel ein, und seit 1820 holte man im Zusammenhang mit der
Neugotisierung der Innenausstattung den alten Fensterschmuck
wieder hervor. Der war allerdings nur in sehr reduziertem Zu-
stande noch vorhanden. Die französische Beschießung der Stadt
von 1744 hatte schon schwere Einbuße gebracht; andere waren
durch Natureinflüsse, wieder andere durch die mangelhafte Auf-
bewahrung in den Repositorien während eines Menschenalters
herbeigeführt worden.
Man verzichtete nun von vornherein bei der Wiedereinsetzung
der alten Glasmalereien darauf, die Obergadenfenster des Mittel-
schiffes wieder bunt zu verglasen. Aber auch für die Seitenschiffe
reichte das Vorhandene nicht aus. So wurden ausmontierte Glas-
malereien anderer Kirchen mitverwendet, besonders aus dem
niedergelegten Chor der Dominikanerkirche hiesiger Stadt,
aber auch aus dem Münster und der Stefanskirche der Stadt
Konstanz, die bei Einrichtung unserer Erzdiözese nicht nur den
Ehrenrang, sondern auch wertvolle Kunstgegenstände an Frei-
burg hatte abgeben müssen.
Im einzelnen läßt sich die Herkunft verschiedener Scheiben aus
den noch rekonstruierbaren Maßen und ikonographischen Ein-
zelheiten, wenigstens für die aus dem Dominikanerchor hiesiger
Stadt und aus dem Konstanzer Münster stammenden Fenster,
nachweisen. War die malerische Verglasung mancher Fenster
noch nahezu intakt, bis auf kleine Lücken vorhanden, sah es da-
für bei anderen um so schlimmer aus. Bei Anerkennung allen
guten Willens muß doch das Vorgehen dieser Restauratoren des
 
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