Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 9.1864

Page: 435
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Biblisch-Historischer Landschaften- Chklus in 26 Dar-
stellungen aus dem 1. u. 2. Buch Mosis, beginnend
mit dem „Paradies" und endigend mit dem „Begräb-
nis Abrahams", komponirt und gezeichnet von I. W.
Schirmer, weiland Professor und Direktor der groß-
herzoglichen badischen Kunstschule in Karlsruhe. Nach
den in der großherzoglichen Kunsthalle in Karlsruhe
befindlichen Originalzeichnungen Photographin von
I. Allgeyer. (Verlag der Hofkunsthandlnng von
I. Velten in Karlsruhe.)

Wir begrüßen dies verdienstliche und in jedem Betracht
ausgezeichnete Werk mit um so größerer Freude, als wir bereits
öfter und zuletzt in unserem Bericht über die große berliner
Ausstellung, auf welcher die biblischen Landschaftsgemälde Schir-
mer's ausgestellt waren, darauf hingewiesen haben, daß der
eigenthümlich strenge Stil des Meisters und noch mehr die Be-
sonderheit der von ihm behandelten Motive, in denen die Figu-
renkomposition durch ihre historische Bedeutung eine große, ja be-
stimmende Rolle spielt, bei-diesen geist- und poesievollen Darstellun-
gen nur in einer der realistischen Erscheinung der Natur fremd
bleibenden Technik zu ihrem vollen Ansdruck kamen. Wir haben
keinen Anstand nehmen zu müssen geglaubt, unsere Ueberzeugung
dahin auszusprechen, daß wir die Kohlenzeichnungen des Meisters
rücksichtlich der Tiefe und Reinheit ihrer kompositionellen Wir-
kung entschieden über die Gemälde stellen. — Hier liegen uns
nun — Dank der photographischen Technik, welche sich in sol-
chem Falle als unersetzbar bethätigt — die getreuen Kopien der
Kohlenzeichnnngen vor, verkleinert allerdings, aber auch stofflich
gemildert, gleichsam die veredelten Spiegelbilder der Originale.
In der That können wir nicht mehr zu ihrem Lobe sagen, als
dies. Der Photograph hat seine Aufgabe vollkommen verstanden
und gelöst. Wer die Kohlenzeichnungen Schirmer's kennt, kann
der Berlagshandlnng nur zum Dank dafür verpflichtet sein, daß
sie diese unvergänglichen Meisterwerke einer tief-ernsten und
stimmungsvollen Landschaftspoesie in so treuer und würdiger
Weise dem Publikum zugänglich gemacht hat.

Die erste uns vorliegende Lieferung enthält von den 26 Dar-
stellungen, welche sämmtlich zur Veröffentlichung kommen sollen,
Nr. 6: „Kains und Abels Opfer"', Nr. 13: „Noahs
Nr. 16: „Abraham empfängt die Verheißung Isaaks im Hain
Mamre durch die Ankunft seiner himmlischen Gäste", Nr. 18:
„Abraham und Isaak", Nr. 25: „Die Begegnung Isaaks und
Eliesers", Nr. 26: „Das Begräbniß Abrahams durch Isaak und
Jsmael." lieber die einzelnen Blätter ein Nrtheil auszusprechen,
halten wir für ungeeignet: jedes hat seine eigenthümlichen Schön-
heiten. Der Meister hat bei Gelegenheit der Ausstellung der
Originalzeichnungen im Jahre 1856 selbst ein „Vorwort nebst
Beschreibung" niedergeschrieben, welches diesen Reprodnctionen
ebenfalls beiliegt. Wir werden hieraus vielleicht bei Besprechung
der folgenden Lieferungen zurückkommen; vorläufig können wir
nur das Werk allen sich für die ernste Kunst Jnteressirenden auf's
Wärmste empfehlen.

HtZüringer Kunstverein.

Der diesjährige Ausstellungscyklus ist jetzt, Mitte Novbr.,
geschlossen und die Rücksendung von unverkauften Kunstwerken
ist bereits erfolgt. Der Verein übernimmt nur bis ;. 15. De-
zember d. I. die Verantwortung der richtigen Ablieferung und
ersucht^die betreffenden Herrn Künstler, dies gefälligst zu beachten.

Die Ausstellung war zwar nicht sehr zahlreich, etwas über
200 Nummern, da viel Mittelmäßiges zurückgestellt war, enthielt
aber größtenteils recht gediegene Werke, unter welchen die „Zu-
sammenkunft Friedrich II. mit Kaiser Joseph II." von Menzel,
„Kaiser Otto's III. Leichenzug" von Rüstige und „Judith zeigt
dem Volke Bethusias das Haupt des Holofernes" von A. von
Heckel als große historische Bilder einen besonderen Schmuck
abgaben.

Unter den Genrebildern erregten viel Freude und Beifall
„Dornröschen" von Oesterlei, „Götz von Berlichingen" von
A. Geyer, „Der Empfang der Salzburger durch König Fried-
rich Wilhelm I. zu Potsdam" von Begas, „Amen" von Ja-
cobs, und einige kleine Bilder von ten Kate, Hallander,
v. d. Embde, Becker, Bäger, Handwerk, Waldmüller
und Zeppenfeld.

Röhden's Pflanzenzeichnenschule in Kupferstichen, Heft
1—3. (Verlag von T. Walloch in Berlin.)

Es könnte bei der Menge von Werken ähnlichen Titels
vielleicht auffallen, wenn wir behaupten, daß ein solches
Werk wie das genannte dennoch bisher gefehlt hat. Mit Recht
bemerkt der Verfasser in seinem Vorwort, daß „der Werth einer
Zeichnung, die zum Nachzeichnen dienen soll, vorzugsweise darauf
beruht, daß das Verständniß klar hervorleuchtet", mit einem
Worte: in der Treue der Detailform einerseits, in der scharfen
Charakteristik der Gesammtform andererseits. Diese beiden Mo-
mente sind es, welche eben der Röhden'schen „Pflanzenzeichnen-
schule" eine eigenthümliche Stellung einräumen. Was wir bisher in
dieser Art hatten, war meist in Lithographien ausgeführt. Der Ver-
fasser hat den Kupferstich gewählt, und mit Recht. Denn nur
der Kupferstich besitzt neben der Weichheit zugleich die Zartheit
und Schärfe, um die feinsten Nüancen des Geäders der Natur
getreu nachznbilden. In der That lassen diese Blätter, wahr-
hafte Musterblätter in ihrer Art, nach keiner Seite hin etwas
zu wünschen übrig. In Betreff der praktischen Einrichtung oder
des Systems, das der Verfasser in seiner Zeichnenschule beob-
achtet, bemerken wir, daß das meist lebensgroße Bild der Pflanze,
Blüthe und Blätter, in photographisch treuer Reproduction die
Mitte des Bildes einnimmt, rings umgeben von Umrißzeichnun-
gen besonderer Blüthenstellungen, Blattsormationen, Wurzel-
systemdarstellungen, mit Angabe der relativen Größe. So stellt
er das „Maiblümchen", den „Crocus", die „dreifarbige Winde,"
die „Hagebutte", die „Cottlega" , die „Hyacinthe", die „Per-
sische Erdscheibe" (Cyclam6n persicum), den „Epheu", die
„Levkoye", das „Aethiopische Schlangenkraut" (Calla aethiopica),
die „Breitblättrige Chorizema" und die sogenannte „Eispflanze"
(Cra8snla spatula) auf ebensoviel Kupferblätter dar, die, was
Anmnth der Zeichnung und saftige Weichheit der Ausführung
betrifft, schwerlich irgendwo schöner und charakteristischer darge-
stellt sein möchten. Man weiß in der That nicht, ob man an
diesen reizenden Blättern die charakteristische Wiedergabe der Na-
tur an Linie und Stofflichkeit, oder den künstlerischen Geschmack
in der Auffassung und dem Arrangement höher schätzen soll.

Wenn irgend ein Werk sich als Vorlage in Zeichnen- und
Gewerbeschulen, sowie namentlich für den Zeichnenunterricht von
Damen eignet, so ist es dieses, und können wir dasselbe auch
unter diesem Gesichtspunkte nur auf's Angelegentlichste empfehlen.

M. Sr.

Landschaftsstudien in drei Stufen von Paul Weber.

Drei Hefte Lithographien. (Darmstadt. Verlag von

Karl Köhler.)

Auch dieses Werk, welches die Natur im Großen und Ganzen
vom Gesichtspunkt pittoresken Interesses betrachtet, eignet sich
recht wohl für den Zeichnenunterricht in Schulen. Die unterste
(III.) Klasse umfaßt ländliche Architekturen mit landschaftlicher
Umgebung, die zweite (II.) hauptsächlich Baumgruppen, die höchste
(I.) umfangreichere Studien von Bäumen („Buchengruppe im
Park von Darmstadt" und „Eiche im Park von Darmstadt").
Die Lithographien sind mit Sorgfalt ausgesührt und geben die
charakteristischen Punkte der Kompositionen mit Verständniß wieder.

Die Landschaft war gut vertreten; besonders durch von
Heyden, Heilmeyer, Jansen, Jungheim, Koken, Keß-
ler, Lange, Leonhardi, Ranch, Ruths, Scheins, Star-
kenborgh, Triebel, Zimmermann, welch e tüchtige Bilder
gesandt hatten.

Architekturen waren ganz vorzüglich von Jank, Mas-
wiens, Gemmel, Eibner, Jessen, Hausschild vor-
handen.

Das Resultat war im Ganzen recht günstig ausgefallen,
denn es wurden 58 Gemälde verkauft, also der vierte Theil der
ganzen Sammlung, für welche seitens des Vereins und von
Privaten die Summe von 7935 Thlr. verwandt werden konnten.

Indem wir diesen kurzen Bericht zur Kenntniß der Herren
Künstler bringen, benachrichtigen wir dieselben zugleich, daß der
nächstjährige Ausstellungscyklus im April 1865 beginnen soll, und
werden wir die Einladungen dazu in den nächsten Monaten erlassen.

Erfurt, im November 1864.

Die Geschäftsführung des Thüringer Kunstvereins.

Prof. Dietrich.

Opfer",

Kunst-Institute und Kunst-Vereine.
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