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Archivalische Belege des 14. und 15.Jh. geben
Hinweise auf die in Kirchennähe gelegenen
Häuser von Küster und Glöckner der St. Johan-
niskirche. Als Pfarrhaus diente das Gebäude
Am Sande 27, an das sich nach Osten ein gie-
belständiges Fachwerkhaus, die heutige Küs-
terwohnung, anschließt. Der nach Ausweis der
Dachwerkkonstruktion ins Iß.Jh. zu datieren-
de, zweigeschossige Bau (Bei der St. Johannis-
kirche 25) hatte bereits vor einer durchgreifen-
den Sanierung 1981/82 Einbußen an originaler
Bausubstanz hinnehmen müssen, bewahrt
aber vor allem im Steilgiebel mit Fußbändern
und Zierausmauerung ursprüngliche Elemente,
die ebenso wie die auf den Kirchplatz bezogene
Lage zu seinem Denkmalwert beitragen.
Die einseitige Wohnbebauung des Abschnitts
östlich der St. Johanniskirche nimmt im Süden
ihren Anfang mit einer Gruppe jüngerer Ersatz-
bauten (Nr. 8/9, 10, 11), die sich durch ihre
Traufständigkeit von der übrigen Bebauung
abhebt. Diese kennzeichnet die geschlossene
Reihung von heute zwei- bzw. dreigeschossig
durchgebauten, giebelständigen Häusern, de-
ren Substanz zwar ins 15./16.Jh. zurückreicht,
sich jedoch im Straßenbild vorwiegend mit im
späten 18. und frühen 19.Jh. überarbeiteten
Fassaden präsentiert. Neben einigen Gerbern
begegnen in den Besitzerlisten des 15. bis
18. Jh. vor allem Friesen-, Lakenmacher und
Wollweber, die hier 1476 eine Parzelle für ihr
Gildehaus erwarben (nördlich von Nr. 13, abge-
brochen). Vergleichsweise große Grundstücke
sind den beiden Brauhäusern Nr. 12 (ursprüng-
lich mit Nr. 11) und 13 mit ihren zugehörigen
Nebenhäusern zuzuordnen. Das Letztgenann-
te, aufgrund seines Bauvolumens und seiner
Gestaltung hervortretend, markiert etwa in der
Straßenmitte den Beginn des im Norden er-
weiterten Straßenquerschnitts. Stärker verän-
dert, aber für das Straßenbild nicht minder wirk-
sam, zeigen sich die Gebäude Nr. 16 und 18.
Das Erstere, ein Wohnhaus mit Fachwerkober-
geschoss, dominieren zwei Umbauphasen des
19. Jh.: 1853 erhielt es eine dreigeschossige,
massive Putzfassade mit Sohlbankgesimsen,
1901 bereichert um Fensterfaschen, und 1893
eine Verlängerung nach Osten, die mit einer
backsteinsichtigen Giebelfassade von vier Ach-
sen schließt. Das bescheiden dimensionierte,
zweigeschossige Wohnhaus Nr. 18, auf das
16.Jh. zurückgehend und mehrfach starken
Eingriffen unterworfen, erhielt 1963 eine ab
dem Obergeschoss neu aufgemauerte Giebel-
fassade. Eine Nutzung als Bäckerei seit 1866
wurde erst 1991/92 mit dem Umbau des
Ladengeschäfts aufgegeben.
Den Straßenzug südlich der St. Johanniskirche
säumen ausschließlich zweigeschossige Trau-
fenhäuser des 18. bzw. 19.Jh. Am Abschnitt
zwischen Kalandstraße und Am Sande über-
nehmen diese Funktion die so genannten
Pastorenhäuser (Nr. 2, 3, 4) mit ihrer langge-
streckten, einheitlichen Backsteinfront. Durch
die Straßenunterbrechung und ihre hell verputz-
te Gestalt heben sich davon deutlich die beiden
von der Bauflucht zurücktretenden Gebäude
des 19.Jh. (Nr. 5, 6) zwischen Kalandstraße
und Ziegenmarkt im Osten ab. Sie ersetzten die
hier angesiedelten Vikariatshäuser des Klosters
Reinfeld, die sich später im Besitz der däni-
schen Krone befanden (vgl. Görges, 1889, S. 7).

Den gesamten Baublock dominierend, liegt die
St. Johanniskirche innerhalb des ehemaligen
Friedhofs. Seine erste urkundliche Nennung
1297 überliefert zugleich eine Erweiterung.
Obwohl das Gelände durch den Abbruch eines
vom Rat zu diesem Zweck angekauften Hauses
1602 erneut ausgedehnt werden konnte, ver-
anlasste die starke Belegung des Friedhofs
1727 die Suche nach einem geeigneten Areal
außerhalb der Stadtmauern. 1811 fand die letz-
te Beisetzung statt. Im Anschluss an die Auf-
hebung und Einebnung des Friedhofs 1814
wurde das Terrain 1820 nach Abriss der alten
Mauer mit der Anlage gepflasterter Stufen und
der Pflanzung von Bäumen neu gestaltet. Im
Osten und Süden legt sich heute innerhalb
einer niedrigen Backsteinmauer auf leicht
erhöhtem Niveau eine Rasenfläche um die Kir-
che. Den baumbestandenen Platz vor der
Westfassade, teils mit Feld-, teils mit Ziegel-
steinen in quadratischen Feldern zwischen
Kopfsteinen belegt, fassen niedrige, grob be-
hauene Steinpflöcke ein.
Bei der St. Johanniskirche 1. Ev. Kirche St.
Johannis. Zurückgesetzt an der Ostseite des
„Sandes“ erhebt sich die St. Johanniskirche mit
dem zu den umliegenden Häusern in seiner
Monumentalität kontrastierenden, rund 109
Meter hohen Turm, dessen reich dekorierte
Backsteingiebel einprägsam in der Stadtsilhou-
ette hervortreten. Während sich der mit den
polygonal schließenden Chören in ihrer Kontur
bewegten Ostansicht durch die dicht an den
Kirchenbau herantretende Wohnbebauung
wenig Raum zur optischen Entfaltung bietet,
nimmt der breitgelagerte Turmunterbau an der
Südostecke des Platzes eine beherrschende
städtebauliche Stellung ein. Der heutige Kir-
chenbau ist eine fünfschiffige Halle von vier
Jochen, die zusammen mit der Choranlage,
aus der lediglich das Polygon des Hauptchores
hervortritt, einen nahezu quadratischen Grund-
riss ausbildet. Als Taufkirche des nördlichen
Bardengaus vermutlich im 9.Jh. gegründet,
stellt sie die älteste Kirche Lüneburgs dar, die
im Zuge der Christianisierung Sachsens am
wichtigen llmenauübergang an der Grenze zum
heidnischen Wendland angesiedelt wurde. Die
privilegierte Position der Kirche in der welfi-
schen Residenzstadt schlug sich nach 1000 in
der Erhebung zu einem der sieben Archidiako-
natssitze des Bistums Verden nieder (erste Er-
wähnung des Archidiakonats 1205). Bestre-
bungen zu Beginn des 15.Jh., den Bischofssitz
nach Lüneburg zu verlegen, konnte der Rat der
Stadt 1406 durch einen Vertrag abwehren, mit
dem er ferner das Patronatsrecht über die Kir-
che erlangte. Der Umwandlung des Archidia-
konats 1445 in eine Propstei folgte schließlich in
der Reformation 1531 die Einrichtung einer
Superintendantur.
Ein Vorgängerbau ist archäologisch bislang
nicht nachgewiesen, kann jedoch mit der
Nachricht über den Abbruch einer Chorkapelle
zur Erweiterung des Kirchhofs 1297 archiva-
lisch gefasst werden; dies in Verbindung mit
einem ersten Hinweis auf den bestehenden
Bau, der in Form einer dreischiffigen Halle mit
einschiffigem Chor und Westturm in Breite des
Mittelschiffs konzipiert war. Als vom Verdener
Bischof Konrad (1267-1300) von Braun-

schweig-Lüneburg initiierter Kirchenbau rezi-
piert die Langhausgestaltung den Neubau des
Verdener Doms, während die Chorkonzeption
Elemente des Magdeburger Domchors mit
Kleinformen lübscher Prägung verbindet. Das in
individueller Abwandlung der Verdener Bi-
schofskirche im Kernbau von St. Johannis ge-
schaffene Grund- und Aufrisssystem erlangte
wohl wegen seiner straffen formalen Durch-
bildung während des 14.Jh. für eine Reihe von
Kirchenneubauten Vorbildcharakter (u.a. die
Uelzener Marienkirche, St. Petri und St. Jacobi
in Hamburg, die Marktkirche in Hannover, den
Bardowicker Dom, St. Michaelis in Lüneburg,
St. Marien in Winsen und St. Bartholomäus in
Harsefeld), der auch in die Altmark und nach
Brandenburg ausstrahlte.
Baubeginn der Johanniskirche war nach jüngs-
ten dendrochronologischen Ergebnissen ver-
mutlich bereits Ende der 70er Jahre des 13.Jh.
Die Fertigstellung von Chor und dem wahr-
scheinlich ab den 1290er Jahren gebauten
Langhaus fand wohl zwischen 1300 und 1312
unter dem Pontifikat des Bischofs Friedrich von
Honstedt mit einer Weihe ihre Vollendung. Den
Baufortschritt am Turm und den im selben Bau-
gang aufgeführten Seitenkapellen dokumentiert
1319 eine Nachricht im Kontext einer Altarwei-
he in der nördlichen Turmseitenkapelle. Zwar
war der Schaftaufbau mit der Glockenstube
bereits in den 1340er Jahren fertiggestellt, doch
wurde aufgrund einer Bauunterbrechung der
Turmhelm wohl erst Mitte der 1380er Jahre auf-
gebracht. Wohl kurz nach der Mitte des 14.Jh.
setzte die Erweiterung des Kernbaus ein, indem
zunächst einzelne Kapellen an das südliche
Seitenschiff angefügt wurden. Der im Verlauf
des Lüneburger Erbfolgekriegs in der Ursula-
nacht (20./21. Okt.) 1371 errungene Sieg der
Stadt über den welfischen Herzog Magnus
führte neben mehreren Stiftungen der Bürger-
schaft 1372 zur Anlage der St. Ursula-Kapelle
in östlicher Verlängerung des nördlichen Seiten-
schiffs, die 1379 vollendet war; möglicherweise
in Fortführung dieser Bauarbeiten erfolgte die
Anlage des zweischiffigen Nebenchors in der
bestehenden Höhe, doch wurde die Kapelle als
Grablege des im so genannten Prälatenkrieg
(1453-1462) umgekommenen Bürgermeisters
Springintgut erst 1461 eingewölbt, sodass mit
der Errichtung der darüberliegenden Empore,
des von der Theodori-Gilde finanzierten „Jun-
kernlektors“, erst danach begonnen werden
konnte. Den Neubau der Sakristei, identisch mit
der Elisabethkapelle südlich des Chors, belegt
eine Nachricht aus dem Jahr 1382. Sie bildet
als Nebenchor mit der zweischiffigen Kapelle
und der gleichbreiten Empore des Ratslektors,
der sicher 1438 vollendet war, das stilistisch
variierende Pendant zum nördlichen Neben-
chor.
Seit dem Anfang des 15.Jh. waren einzelne
Kapellen als Grablege Lüneburger Patrizier-
familien zwischen die Langhausstrebepfeiler
eingefügt worden; während die nördliche Reihe
in dem Jahrzehnt nach dem Prälatenkrieg ge-
schlossen wurde, dürfte die südliche vermutlich
schon früher geschlossen worden sein. Diese
Außenkapellen erhielten 1818-22 im Zuge von
Ausbesserungsarbeiten im Sinne einer verein-
heitlichenden Gestaltung dreibahnige Lanzett-
fenster. Gleichzeitig wurde das so genannte

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