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Grapengießerstraße 19, 18, Blick nach Osten


Mansarddächem gedeckte Gauben markant
konturierte Dachlandschaft einbezogen.
Den an spätmittelalterlichen bzw. frühneuzeit-
lichen Architekturmotiven orientierten Typ des
späthistoristischen Wohn-/Geschäftshauses
vertritt die Nr. 31, ein 1894 von Chr. Lendorf auf
den Grundmauern eines Vorgängers für den
Dekorateur Quaritsch errichteter dreigeschossi-
ger Rohziegelbau in neugotischen Formen. Die
drei segmentbogigen Fensterachsen tragen
ebenso zu einer ausgewogenen Fassadenglie-
derung bei wie die beiden Stockwerkgesimse in
Form eines Konsol- bzw. Kleeblattbogenfrieses,
beide durchbrochen von der Lisenenrahmung
der breiteren Mittelachse, die sich in einem
gerade endenden Zwerchgiebel des Berliner
Dachs fortsetzt. Zu dem einst hier stehenden
Traufenhaus mit mittigem Spitzbogenportal
gehört der kurze Hofflügel mit vorkragendem
Obergeschoss, der im 19.Jh. um ein Stockwerk
erhöht wurde. Eine bereits dem reformerischen
Ideal des Heimatstils verpflichtete, auf Motive
der lokalen Bautradition zurückgreifende Auf-

rissgestaltung wählte Maurermeister J. Päpper
1910 für den dreieinhalbgeschossigen Back-
steinbau eines Eisen- und Haushaltswaren-
ladens (Nr. 4). Blickfang des Traufenhauses bil-
den dabei der asymmetrisch angeordnete
Staffelgiebel mit spätgotischen Motiven und der
zweigeschossige Erker, dessen Fachwerkkons-
truktion 1966/67 in Stahlfachwerk ersetzt
wurde. Eine Spielart der zeittypischen Reform-
architektur, die in Abkehr von eklektizistischem
Dekor ihre Formensprache schlichteren Stil-
richtungen, u.a. dem Spätbarock bzw. Früh-
klassizismus entlehnte, folgt der Entwurf 0.
Püschels für das traufständige Wohn-/Ge-
schäftshaus eines Uhrmachers (Nr. 9). 1914
über dem aus zwei Segmentbogentonnen
bestehenden Keller eines Brauhauses des
16.Jh. aufgeführt, wird die Backsteinfassade in
den beiden unverändert erhaltenen Oberge-
schossen lediglich von je zwei paarig gruppier-
ten, leicht eingetieften Fenstern strukturiert und
vor dem hohen Berliner Dach mit einem leicht
geschweiften Giebel abgeschlossen.

Der Bedeutung der Grapengießerstraße als
eine der Hauptgeschäftsstraßen trug zu Beginn
des 20. Jh. der 1913/14 unter der Bauleitung H.
Holtheys entstandene und bereits großstädti-
schen Dimensionen angenäherte Kaufhausbau
Nr. 19 Rechnung, der sich in bemerkenswerter
Weise in die Bebauung einfügte, in den 1980er
Jahren jedoch anlässlich der Integration in ein
neu entstehendes Kaufhaus vor allem im
Erdgeschoss verändert wurde. Für den quali-
tätsbewussten Anspruch, den die Manufaktur-
warenfirma Fritz Kronacher im Stadtbild vorzu-
tragen gedachte, spricht die Wahl des in Kiel
ansässigen Architekten E. Stoffers, der sich
dort bereits durch vergleichbare Bauten, u.a.
das Warenhaus Karstadt (1907-1910) einen
Namen gemacht hatte. Kennzeichnend für die
damalige bevorzugte Gestaltung dieses Bau-
typs ist die vertikale Pfeilergliederung der Fas-
sade, die nahezu vollständig in Fensterbahnen
aufgelöst ist, um großzügige und gut belichtete
Geschäftsräume zu gewinnen. In Lüneburg ver-
wendete Stoffers in Anlehnung an die lokale
Bautradition den Backstein als Material, indem
er ihn z.B. als Taustab zur Rahmung der kolos-
salen Pfeiler und Vertikalgliederung der leicht
gewölbten Fensterflächen einsetzte. Die damit
erzielte Plastizität verstärken die durch einge-
tiefte Felder reliefierte Brüstungszone, die mit
Keramikfiguren besetzten Kapitelle und die im
nahezu fassadenbreiten Zwerchgiebel hervor-
tretenden Masken über den Fensterreihen. Ein
Beispiel des expressionistischen Backstein-
baus, der hier zugleich historisches Formengut
transponiert, schuf 1928 die Firma Kruse &
Hennings mit dem giebelständigen Wohn-/Ge-
schäftshaus Nr. 50. Über der modernisierten
Ladenzone und dem vierachsigen Oberge-
schoss liegt der gestalterische Akzent vor allem
auf dem fünfteiligen Staffelgiebel, den zwei
spitzwinkelige Pfeilervorlagen mit erhabenen
Ziegelschichten gliedern und ornamentierte
Ziegelmedaillons in den drei oberen Staffeln
schmücken.
Stärkere Eingriffe brachte erst wieder die Zeit
nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich. Wurden
zunächst Neubauten, deren Gestaltung ohne
Bezug zu der umgebenden Architektur stand,
zwischen die überkommene Substanz gesetzt
(Nr. 17, 41), suchte die in einer jüngeren Phase
entstandene Architektur in Umriss und Material
an die historische Situation (Nr. 36/37) anzu-
knüpfen. Als jüngste Veränderung im Straßen-
raum ist die 2005 abgeschlossene Neupflas-
terung zu nennen, die das 1971 im Rahmen
des Umbaus zu der nach der Bäckerstraße
zweiten Fußgängerzone Lüneburgs aufge-
brachte Pflaster ersetzte und die gesamte,
lediglich mit einer Mittelrinne gegliederte Fläche
einheitlich zusammenbindet.
Den städtebaulich markanten Auftakt im Osten
bildet eine Gruppe von giebelständigen Häu-
sern als Teil der nordwestlichen Platzrandbe-
bauung des Sandes, beginnend an der Kleinen
Bäckerstraße mit dem relativ schmalen Haus
Nr. 1, das die beiden Ausluchten prägnant cha-
rakterisieren. Von dem stattlichen klassizisti-
schen Traufenhaus Nr. 7 unterbrochen, setzt
sich die Reihung der Giebelhäuser mit dem
dreieckbekrönten Volutengiebel von Nr. 8 fort.
In dem folgenden Abschnitt bis zur Kuhstraße
gewinnt vor allem der hoch aufragende und

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