Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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Farbige Stereos

als die Wahrnehmung immer deutlicher ward, daß sein Sohn,
Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein, sein Namens-
träger, sein Stammhalter dermaßen aus der Art schlug.

Ottos erste Kinderjahre waren schon geeignet, um seinen
Vater mit Resignation zu erfüllen.

„Er ist einmal so!" seufzte der Papa, holte nach acht-
stündigem Hocken im Bureau seinen Knotenstock, zog seine
dickbesoltcn Schuhe an, und wandcrte die übrigen Stunden
des Nachmittags und Abends auf den Bergen der Umgebung
Wiens herum, leider allein und einsam, ohne daß sein
Sprößling ihn begleitet und durch Gemsensprünge von Fels
zu Fels sein Herz erfreut hätte. —

Fünfzehn Jahre trug Franz Xaver Steigerl diese
i finstere Resignation mit sich herum, als sie sich plötzlich von
seiner Seele lösen zu wollen schien.

Ottos Gaumen fand nämlich in dieser Zeit großen
Gefallen am Gerstensäfte, und zwei Kreuzer, die sich beim
Seidel dieses Getränkes ersparen ließen, spornten den Jüng-
ling einmal an, dasselbe außerhalb einer Linie Wiens auf-
zusuchen.

Er hatte den Weg hin und her zu Fuße gemacht!

Aus diesem Ereignisse schloß der Vater, daß an seinem
Sohne vielleicht doch noch nicht „Hopfen und Malz" ver-
loren sei.

„In Hütteldorf ist das Bier noch billiger!" sagte er
zu Otto und cngagirtc ihn zu einer Fußpartie dahin.

Otto war noch jung, er ging nach Hütteldorf mit.
Aber dort blieb er auch fest, und war aus keine Art, wie
Papa gehofft hatte, weiter zu bringen.

Er trank sein Bier und hatte nicht ein Mal ein Auge
für die ihn umgebenden Hügel, auf deren Gipfel sich der
gute Papa schon mit seinem zur Touristerei erwachten
Sohne im Geiste gesehen hatte.

Ja, Otto that die Rückreise nicht anders als im —
Stellwagcn, während sein Vater grollend über hundert
Gräben und Hügel und aus endlosen Umwegen zu Fuße
nach Hause schritt.

In diese Zeit siel cs, wo Franz Xaver Steiger!
seinen Sohn für immer aufgab, dagegen sein Herz seiner
Tochter zuwandte, auf welche der Geist des Vaters übcr-
gegangen zu sein schien.

Emma war hübsch, schlank, gelenkig, lebhaft, ruhelos.
Sic quirlte den ganzen Tag wie Quecksilber im Haufe herum.

„In ihr fließt das echte Blut von meinem Blut!"
sagte Franz Xaver Steiger! und er umarmte seine
Tochter, die eben wie ein Pfeil die Stiege herauf geschossen
kam, während Otto gerade überlegte, ob er vom Sofa auf-
stehen sollte, um ein Glas Wasser zu holen oder ob es
zweckmäßiger wäre, seine Schwester darum zu bitten.

„Schade, daß Emma ein Mädchen!" seufzte Franz
Xaver Stcigerl, denn, obwohl er seine Tochter von nun
an, so oft es ging, an seinen Ausflügen, die oft ziemlich
halsbrecherischer Natur waren, Theil nehmen ließ, und
obgleich Emma dabei wacker und lustig auSschritt ohne so

kopen aus Wien.

bald müde zu werden, so mußte er doch erkennen, daß der
Naturdrang des Mädchens an dessen zarterer Gestaltung,
vor Allem aber an der — Krinoline ein Hemmniß fand,
was besonders beim Durchbrechen durch das Dickicht unweg-
samer Auen der Fall sein mußte.

Wir müssen der Wahrheit zur Steuer verzeichnen, daß
Emma bereit war, der Krinoline und dem weitfaltigen
Frauengewande zu entsagen, ja ihren Vater auf seinen
Fahrten in männlichem Turnerkostüme zu begleiten; doch ;
erwies sich eine vorgenommcne Probe bald als unzweckmäßig.

Man kam also davon ab und beschränkte sich in die
Grenzen des Möglichen. Sonderbar aber war cs, daß
Emma, trotz ihrer ausgesprochenen Touristenanlagc, für ,
das Fahren im Wagen eine fast wilde Leidenschaft zeigte,
welche der Papa gewiß nicht nährte, die aber dcmungcachtet
mit dem Mädchen wuchs.

Ein vorüberrollendes „fesches Zeug!" ließ Emmas
Augen erglänzen und nichts vermochte das Mädchen ab-
zuhaltcn, mitten in irgend einer Wanderung an der Seile
des Papas stehen zu bleiben und dem dahinrassclndcn Ge-
spann nachzusehen, bis cs in Staub und Ferne entschwand.

Ein Seufzer wand sich dann aus der Brust des Mäd-
chens, und hätte Papa Steigerl die Sprache der Seufzer
verstanden, es wäre ihm klar geworden, daß seine Tochter
für eine kurze Fahrt in rasch dahinsauscndem Wagen alle
Seligkeiten einer sechs- bis achtstündigen Fußpartie hin-
zugeben bereit sei, womit übrigens auch ihr Bruder Otto
vollkommen einverstanden sein mochte.

Was aber bei Letzterem nur eine Folge seiner Bequem-
lichkcitsliebe und Sclbstbewcgungsscheu war, das wurzelte, wie
wir später sehen werden, bei Emma in einer Idiosynkrasie.

„Zu Wagen!" war von früher Kindheit an der stille
Sehnsuchtsruf Emmas, und die Stunden, in denen sic als
Wickelkind in einem Korbwagen gefahren worden war, lebten
mit grell-schönen Farben in ihrer Erinnerung.

Emma sprach nie von ihren Gelüsten nach der Be-
nützung von Fuhrwerken, denn sie wußte, wie ihr Papa !
über diesen Punkt dachte, und hatte es hundcrtmale mit an-
gesehen, wie er mit souveräner Verachtung auf alle Menschen
sah, deren Füße schlaraffisch in einem vorbeirollenden Wagen
hingestreckt waren, aber desto üppiger malte die Fantasie !
dem Mädchen die Reize einer, „auf Räder gehobenen
Eristenz" aus.

Die schönsten Träume Emmas waren eö, in welchen
sie bald in einem Kabriolet, bald im Phaeton init vier
Pferden, bald im hohen, englischen Rcisewagen mit doppeltem
Postvorspann, bald gar im zweirädrigen Gefährte des mythi-
schen Sonnengottes durch alle Räume der Welt flog.

„Soll denn keiner dieser Träume zur Wahrheit werden
können?" fragte sich Emma dann erwachend. „Ach, warum
mußte mein Vater just ein kleiner Beamter und großer
Tourist sein!" klagte sie. „Hätte er nicht eben so gut ein
Kavalier mit Roß und Wagen, oder ein Pferdehändler, oder
wenigstens doch ein Fiaker fein können!" —
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