Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

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zu lödten, weil man diese nach Leib und Seele tödle, den Christen aber nur leiblich. "Dilz ist nicht war."
Niemand kann den Menschen an der Seele tödten als Gott, und der Mensch sich selbst durch seine Sünden.
Wer einen Juden oder Ungläubigen lödtet, der tödtet ihn nur dem Leibe nach, sein Unglaube und seine Sünden
tödten ihn an der Seele, und wie der, der einen Bruder lödtet, schwerer sündigt, als wer einen Fremden um-
bringt, so wer einen Christen tödtet, mehr, als wer einem Ungläubigen das Leben nimmt, denn alle Christeu
sind Brüder, der christlichen Kirche durch das Sacrament der Taufe geboren. Es ist "Sünder," wenn die
Mutter ihr ungetauftes Kind tödtet, als ihr getauftes Kind, und doch "sünder" den getauften Christen zu tödten,
als den ungetauften Juden, denn das Kind wäre zur Taufe gekommen und die Mutter beraubt es des ewigen
Lebens (Tened. Bl. 26). Es sündigt schwerer, wer seine Mutter als wer sein Weib tödtet, schwerer, wer
durch "vergifft" als öffentlich durchs Schwert tödtet; wer öffentlich, ist ein "raanslachter," wer heimlich,
ein Mörder. Wer ausser Gericht einen Uebelthäter lödtet, ist " manslechtig." Nur ein Richter oder Fürst hat
Gewalt über das Leben eines Andern, "als einem artzt zuo gehoert und keinem andern, dass er ein faules
auszsetziges glied als ein zeehen oder einen vinger von des menschen leicbnain sneijde." Es ist Sünde, sich
selbst zu lödlen, 1) weil der Mensch von Natur sich selbst liebt, 2) weil er ein Theil der Gemeinde ist und
also auch dieser ein Uebel zufügt, 3) weil er das Leben von Gott und also keine Gewalt darüber hat. Obwohl
ein Richter einen ubellhätigen Mann mag tödlen lassen, so soll doch niemand Richter sein über sich selbst.
Wenn im A. T. Simson oder sonst Heilige sich selbst getödtet, so haben sie es auf besondere Einsprechung
gethan, das soll sich niemand annehmen. Sich zu entmannen ist nicht erlaubt, denn die böse Lust wird doch
nicht ausgeschnitten, eine Jungfrau oder Frau darf sich nicht, um ihre Keuschheit zu bewahren, selbst tödten,
aber sie soll sich eher tödten lassen. Es soll sich niemand selbst tödten um einer Sünde auszuweichen, denn
man soll nicht Böses thun, dass Gutes daraus komme. Unkeuschheit und Ehebruch sind "nrynner sunde als
dotslag," denn der Unkeusche mag wohl länger teben und es büssen. Es isl schwerer, einen gerechten als
einen ungerechten Menschen zu tödlen. Meineid ist grössere Sünde als Todschlag und doch setzet man für
"manslacht" grössere Busse. — Der geistliche Todschlag geschieht durch Hass, Neid, Hinterrede und Verführung
zu Todsünden. Dagegen soll man dem Nächsten in der Noth helfen, den Feind lieben, Allmosen geben, Sünder
ermahnen, und brüderliche Strafen geduldig aufnehmen, wie sich ja Gottes Freund dadurch beweiset, dass er
die Leiden geduldig trägt. (Vened. 25a —35a, Strasburg 31a —36b, Cölner Handsch. 73b—89a.)

Der Verfasser von Der Sek Trost giebt zu diesem Gebote eine Fülle von bekannten, aber legenden-
artig ausgeschmückten Beispielen. So von Cain, von Pharao, bei welcher Veranlassung die Geschichte des
Moses ausfuhrlich erzählt wird. Da heisst es: Pharaos Tochter habe das Kind gefunden, und gesagt: Wie lieb
muss die Mutter das Kind gehabt haben "dat se hem so suwerliken koffer ghemaect hefft." (Utrecht. Bl. 101)
Sie bringt das Kind dem Vater, dieser spielt mit ihm und setzt ihm seine Krone auf, aber da in der Krone
ein Abgott ist, wirft Moses sie zur Erde, dass sie zerspringt. In ähnlicher Weise wird Pharaos Ende, und
werden die Geschichten von Astyages und Cyrus, Judith und Holofernes, Sissera und Jael, Abimelech und Joab
erzählt, wie Nero seiner Mutler den Leib habe aufschneiden lassen, selbst habe schwanger werden wollen,
einen giftigen Wurm geboren, Rom angezündet habe, Petrus habe kreuzigen und Paulus enthaupten lassen und
sich selbst ins Schwert gestürzt (paelde hem suluen). Dann folgen Legenden vom Pilatus und den drei
Herodes. Ferner wird eingeschärft, nicht mit der Zunge zu tödten "Se is noch scerper den een sweert, want
een sweert en mach gheen menschen doden, hi en is daer teghenwoerdich, mer die böse tonghe moert een
mensche wel ower hondert milen" (Utr. Bl. 117). Sind dir Leute anbefohlen "du salste stueren tem besten
als een vader of een moder een kynt stuert." So ein Pabst, Landesherr, Bischof, Probst, Dekan, Richter
(baliu Augsb: vogte) "sollen hoer ondersaten slueren tot goede dinghen." Die Kinder Israel beteten Abgötter
an, weil ihre Obersten "niel en stuerden," und so ging es auch mit den Söhnen des Eli.

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