Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Seite: 139
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zehn Schmaljochen aufweist. Man brauchte nicht mehr zu fürchten,
daß ein jäher Bewegungszug dadurch entstehen würde. Die Einheit
der Decke ist ohne formale Notwendigkeit den Pfeilern angeheftet,
den Wänden eingebohrt. Ihr Rippengewirr von strudelndem Be-
wegungsreichtum rauscht umso vernehmlicher, als die Raumbewe-
gung durch die Vereinheitlichung der Schiffe zur ruhigen Saal-
wirkung aufgehoben ist.
Aapitel II: Der süddeutsche Gchaugiebel
Mit der Sondergotik tritt die Rirchenarchitektur Süddeutschlands
auch im Außenbau durch die Entdeckung der Bedeutsamkeit einer
Fassade in ein neues Stadium. Ueber die Bedeutung einer schließen-
den Westwand herrscht keine Meinungsverschiedenheit: daß sie in
ihren Hauptteilungen aus die Verhältnisse des Inneren vorzu-
bereiten hat, darf als oberstes Gesetz gelten. Darüber hinaus wurde
sie in der Renaissance zu einem Schaustück für sich gestaltet, das
sich in den Höhenabmessungen nicht mehr auf dahinterliegende
Räume berufen konnte, sondern die Mauer über die Dachränder
hinausstehen ließ. Diese Fassadenbildungen waren schon in der
italienischen Gotik vorbereitet. Die deutsche Sondergotik indessen
mußte von ganz anderer Voraussetzung ausgehen. Für sie be-
deutet die Ausbildung einer Fassade eine unerhörte Tat, weil sie
ein besonderes, der Gotik unbekanntes Gefühl für die Wirkung
geschlossener Flächen voraussetzt. In der Gotik wurde die West-
front gewöhnlich von einem oder zwei Türmen besetzt gehalten.
Doch war auch die Vorderseite ohne Turm, wie es bei Zisterzienser-
kirchen natürlich ist, diesem Stil nicht unbekannt. Das gab aber
keine breiten vorgesetzten Mauerslächen, da in den Strebepfeilern
alles zu linearem Vertikaldrang zusammengepreßt wurde, und die
schlanken Hochfenster ein übriges taten, den Rest von Fläche zu
zerschneiden. Der Sinn einer schließenden Schauseite, in den Ab-
messungen die Breitenintervalle der Schiffe anzudeuten, verflüch-
tigte sich daher in der Gotik fast vollständig. Am reinsten hat
die Gotik diese Frage auf deutschem Boden in Altenberg ge-
löst. Zwischen den Strebepfeilern ein Riesenfenster. Die Neu-
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