Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 14.1891

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William Unger.

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A

LS WILLIAM UNGER vor fünfundzwanzig Jahren
mit Radirungen vor die Öffentlichkeit trat, warder Kupser-
stich,als das vornehmste Mittel künstlerischerReproduktion,
noch im Vollbesitze allgemeiner Achtung. Allenthalben an
den Akademien stand er in der Pflege bewährter und an-
erkannter Meister, die froh, im ersten kecken Ansturm der
Photographie endlich die Gegnerschaft der Lithographie
los geworden zu sein, fortfuhren, die vervielsältigende
Kunst nach erprobter Weise zu betreiben. Aber während
lie so fleissig über ihren Platten sassen, welche sie mit fein
ausgeklügelten Systemen von Linien, Strichelchen und
Punkten behutsam bedeckten, hatten die künstlerischen
Ideale der Zeit einen Wandel genommen, dem die land-
läufige Stecherkunst nicht mehr nachzukommen geschickt
war. Während die deutsehe Malerei — denn die Malerei
ist es, welche das Geschick reproducirender Stecherkunst
bestimmt — seit der Mitte unseres Jahrhunderts mehr und mehr auf farbige Wirkung und realistische
Naturbeobachtung ausging, blieben die Stecher, als die Abkömmlinge einer Generation, die in einer
mehr zcichncrischen Kunstauffassung befangen war, bei einer Interpretationsmanier (dem in Con-
ventionalismus erstarrten Linienstiche) slehen, die nicht nur für die Lösung der Aufgaben, welche die
neuere Malerei ihnen stellte, sondern auch für die veränderte Anschauung in der Vervielsältigungs-
weise alter Kunst, als unzulänglich sich erwies. Freilich fehlte es nicht an einigen, welche durch
eine freiere technische Behandlung oder durch eine deutlichere Betonung der farbig-malerischen
Stimmung vernichten, neuen Wein in die alt gewordenen Schläuche zu schütten, aber ihre verein-
zelten Versuche erreichten nur seiten die beabsichtigte Wirkung, weil ihr Vorgehen keine radicale
Änderung der Stichtechnik im Sinne des coloristischer gewordenen Zeitgeschmacks anstrebte. Die
Unzeitgemässheit der üblichen Technik innerhalb des deutsehen Kupferstichs der Fünfziger- und
Sechziger-Jahre, die Macht bequemer Routine, welche die Geltendmachung persönlicher Nach-
empfindung hemmte, das ist es vor Allem gewesen, was der Radirung als reproducirender Kunst
Thor und Riegel im modernen Kunstlcben geöffnet hat.
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