Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 14.1891

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zufolge, wohl in des Künstlcrs frühere Zei-t. Beide slammen, wie so viele italienische Bilder der Galerie,
aus dem Vermächtniss des Erzherzogs Leopold Wilhelm. (Siehe des Verfasfers Text zu Unger's
Galeriewerk und von Engerth's Katalog, I, S. 221.)
Moroni starb noch im hesten Manncsalter, 1578, während er eben mit der Ausführung eines
grossen »Weltgerichtes« für die Pfarrkirche von Gorlago bei Bergamo beschäftigt war. Das genannte
Werk, wie die übrigen kirchlichen Bilder in den Dörfern der Umgebung, in La Ranica, Fiorano,
Desenzano, Cenate, Fino, Almenno, Roncola, Romano, Senate und an andern Orten, sind recht
geschickt und solid gemachte Arbeiten, aber mit seiner Seele ist Moroni nicht dabei gewesen. Diese
spricht nur aus seinen BildniiTen, hier aber mit solcher Gewalt, dass wir in ihrem Anschauen, mit
dem Dichter in Shakespeare's »Timon von Athen«, ausrufen möchten:
»Er meistert die Natur: kunstreiches Streben
Lebt in der Färb' lebend'ger als das Leben!«
Carl von Lützow.

MORIZ VON SCHWIND'S

KREUZWEGSTATIONEN IN REICHENHALL.


n einem noch ungedruckten Briefe aus München vom 12. November des Jahres 1860
schreibt Moriz von Schwind an Eduard Bauernfeld: »Du wirst Dich vielleicht wundern,
mich an Kirchenbildern arbeiten zu denken. Unser einem kann es auch einmal vergönnt
sein, das Nobelste in die Hand zu nehmen, was es gibt.« Damals war er an den Bildern
des grossen Flügelaltares der Frauenkirche in München beschäftigt, mit dem prächtigen Dreikönigs-
bilde im Mittelpunkte der Weihnachtsdarstellungen und den vier Passionsbildern für die Fastenzeit
auf der Aussenseite der Flügel.
Im Beginne des Jahres 1862 wurde ihm der Auftrag zu Theil, die uralte, romanische, durch die
Bemühungen des kunstfreundlichen Pfarrers Rienecker restaurirte Kirche in Reichenhall mit Fresken
zu beleben. Er ging rasch an's Werk und vollendete mit Hilfe seines treuen Schülers Moosdorf seine
Aufgabe in zwei Jahren: In der Chornische des Mittelschiffes wurden auf Goldgrund die Dreieinigkeit,
unter ihr einzelne slehende Heiligengestalten, die Patrone der Kirche, gemalt. Auch in der Nische des
rechten Seitenschiffes kamen slehende Heiligengestalten auf Goldgrund zur Ausführung, während
der linke Seitenaltar mit einem alten Muttergottesbilde erhalten blieb. Über den Pfeilern des Mittel-
schiffes aber wurden auf Goldgrund grau in grau in Medaillons die vierzehn Stationen des Kreuz-
weges dargestellt, deren Entwürfe die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Heliogravüren ver-
öffentlicht, von denen ein Blatt diesem Hefte beiliegt.
Schwind, der gemeinhin nur als der Maler ritterlicher Lebensfreudigkeit und romantischer
Sagen- und Märchendichtung bekannt ist, hat sich hier an eine nahezu ascetische Aufgabe gemacht.
Es hat, wir möchten fast sagen, etwas Rührendes, den Meister, der sich so gerne in freier Dichtung
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