Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 31.1908

Seite: 67
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JÜNGERE ÖSTERREICHISCHE GRAPHIKER

VON KARL M. KUZMANY.
II.

HOLZSCHNITT.

Durch einen der äußeren Vorgänge, die sich
nach volkswirtschaftlichen Gesetzen vollziehen, ist
der Holzschnitt von dem Platze verdrängt worden,
auf dem er so lange mit seinem Pfund gewuchert
hatte. Darum ist an dieser Stelle kaum mehr ein
Wort darüber zu verlieren, daß die billiger und
rascher arbeitenden photomechanischen Verviel-
fältigungsarten ihn als reproduktionstechnisches
Verfahren, das von illustrierten Büchern und Zeit-
schriften beansprucht wurde, aus dem Wege
räumten. Nur wenn er sich auf seine ursprüngliche,
seine naturwüchsige Aufgabe besinnt, will man ihn
jetzt im Rahmen von Druckschriften neuerlich gelten
lassen. Es ist ja bewunderungswürdig, wie weit es
die Virtuosität des Tonschnitts in der Wiedergabe
der fast unmerklichen Schwebungen von Licht und
Schatten gebracht, wie gehorsam der Faksimile-
schnitt sich dem Willen irgendwelchen Zeichnungsmittels unterworfen und dessen Züge nach-
getäuscht hat. Aber die Künstler konnten sich damit nicht einverstanden erklären, sofern sie auf
dem wieder anerkannten Grundsatz beharrten, daß das Material, welches ihnen als Grundlage diente,
unverhohlen seinen besonderen Stil in sich bewahre. Darum entledigten sie sich des berufsmäßigen
Helfers, dem sie früher ihre ausführliche Vorzeichnung oder ihren Entwurf überantwortet hatten,
und griffen selbst zum Schneidemesser, um mit dem Holzblock in nächster Fühlung zu bleiben.
Originalholzschnitte in dem Sinne, daß sie schon im Geiste ihres Schöpfers einzig für die besondere
Art der Übertragung entstanden, waren gewiß auch die Meisterstücke aus der Epoche Albrecht
Dürers und die liebenswürdigen Blättchen des sich bescheidenden Ludwig Richter. Auf ihre Auf-
fassung also griff man zurück, und wem diese zu konventionell erschien, der suchte seine Vor-
bilder bei den Primitiven, die den Neigungen des trotz aller modernen Erfahrungen Altertümelnden
verwandt entgegenkamen. Was damals Naivetät gewesen, mußte sich jetzt dem Generalisieren eines
den Gesamteindruck der Dinge erschauenden Auges bewußt unterordnen. Mit dem Schlagwort des
Dekorativen, wie es aus dem Impressionismus sich ergab, werden sich die folgenden Ausführungen

Koloman Moser, >Nixen«.

Nach dem Originalholzschnitt.

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