Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 31.1908

Seite: 80
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Bilder darin gefunden, daß er sie anstatt in Holz in Papier schneidet und davon druckt. Den intimen
Reiz des ursprünglichen Holzschnitts haben nur seine früheren landschaftlichen Darstellungen, die
in ihrer naiven Heimlichkeit und so gar nicht schwierigen Koloristik altdeutsch empfunden und
wie ein schlichtes Reden aus Volksmund anmuten. Aus der Wiener Kunstgewerbeschule ist auch
Walter Dittrich (geb. Haida 1881) hervorgegangen, am nachhaltigsten von Myrbach beeinflußt.
Nun arbeitet er seit ungefähr zwei Jahren als Illustrator und praktischer Lithograph in Paris, aber
sein künstlerisches Genügen als Graphiker findet er nach wie vor im Holz-, beziehungsweise Lino-
leumschnitt. Denn dieses Material gestattet es ihm bequemer, in dem für seine Zwecke dienlichen
großen Format seine Motive, alte Bauwerke und Stadtteile, gelegentlich auch ehrwürdige Baum-
charaktere, zu entfalten. Er huldigt der schon öfter beobachteten Tendenz, den ursprünglich für die
augennahe Betrachtung berechneten Holzschnitt für die Fernwirkung tauglich zu machen.

Nicht allein ihrem Geburtsort nach sind Karl Thiemann (geb. Karlsbad 1881) und Walter
Klemm (geb. Karlsbad 1883) derselben Herkunft; auch in künstlerischer Hinsicht erscheinen sie eng
verbunden, denn es trennt sie keineswegs, daß jener an der Prager Akademie unter Thiele, dieser
in Wien bei Moser und Myrbach seine Vorbildung erhalten hat. Die entscheidenden Lehrmeister
waren doch die Japaner, von denen sie das Technische ihrer Kunst übernahmen, durch alle Stadien
der Herstellung bis zu dem nicht in der Presse, sondern mit Hilfe des Handreibers aufs Papier
gebrachten Druck. Darin haben sie eine besondere Virtuosität insofern erreicht, als sie zu einem
achtfarbigen Druck oft nur drei oder vier Platten benötigen, woraus sich allerdings eine mitunter
große Verschiedenheit der Abzüge ergibt. Die einzelnen Blätter nach ihren Urhebern auseinander-
zuhalten, fällt schwer. Das gemeinsame Atelier, in welchem Klemm und Thiemann seit 1905 zu
Libotz-Stern bei Prag hausen, war bei dieser täuschenden Angleichung gewiß nicht ohne Bedeutung,
um so mehr, als die beiden Künstler auch gegenständlich immer wieder einander begegnen. Nur daß
man bei Thiemann mitunter im Malerischen mehr Ausgeglichenheit, eine ruhige Glättung zu
bemerken vermeint; seine oft variierten Schwäne gleiten, ohne das Auge aufzuregen, über das
lautlose Wasser, dessen verschwimmende Kringel vortrefflich wiedergegeben sind. Aber dann bricht
doch wieder die Farbenfreude elementarisch stark hervor in den sommerlich bunten Fachwerk-
bauten »Am Krögel« (bei Berlin) und in den himbeerroten Barken der »Spreeschlepper«, denen das
Blatt »Bei den Spreefischern« von Klemm zur Seite zu stellen ist. Thiemanns »Kiefern am Grune-
waldsee« sind schlagend ins Japanische übersetzt und dürften wohl zu den ersten nachahmenden
Versuchen zu zählen sein, denn sonst herrscht die »europäische« Anschauungsweise eines der Natur
unstilisiert getreuen Impressionismus der Freilichtmalerei in den heimatlichenLandschaften (»Birken «,
»Sturm«, »Wintersonne«). Unter den Ansichten aus Altprag sind bei Thiemann die »Thungasse«
mit ihren forcierten Farben und das »Jüdische Rathaus«, bei Klemm besonders die »Alten Dächer«,
als von einer prickelnden Palette geholt, hervorzuheben. Am treffendsten gelingt Klemm die Tierwelt:
das täppische Gehaben junger Hunde, die Gelassenheit der breitflächigen Zugpferde und Ochsen,
die Eleganz des Barsoi mit seinem langen strähnigen Haar, die leise Komik der Enten, das Kollern
der Truthähne. Aber es kommt ihm nicht so sehr auf die Schilderung der Charaktere an als darauf,
die äußere Struktur, das schillernde oder matte Gefieder, das spiegelnde oder ruppige Fell in ihrem
vollen malerischen Reiz wiederzugeben. Am reinsten ist dies im »Truthühnerzug« gelungen, einen
guten Abdruck der schwer zu harmonisierenden Farben vorausgesetzt, am meisten realistisch in
den »Ziegen«, freilich mit Hilfe des Blinddrucks für das grobe weiße Vlies.

Weder die Münchner Lehrjahre noch die in Paris gepflegten Studien haben Carl Moser
(geb. Bozen 1873) die Beschäftigung mit dem Holzschnitt nahegelegt. Erst eine Begegnung mit

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