Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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1927 aus Venedig,
Florenz, Siena, aus
Paris, Rouen, Havre,
aus Hamburgund Kitz-
bühel; 1928 schuf er
die Blätter aus Oxford,
Cambridge, London,
aus der Bretagne, aus
Holland, Hamburg,
Nürnberg, Rothen-
burg; 1929 unter
anderem aus Brügge,
zuletzt aus Amerika,
aus derWelt derHoch-
häuser und des Hoch-
betriebs. Das Reisen
istihm,wie man daraus
ersieht, zur zweiten
Xatur geworden.Seine
große Fruchtbarkeit
erklärt sich aus der
Art seines Arbeitens;
wo er nämlich ein

Huns Figura, Hafen von Le Havre. Farbige Radierung. dankbares Bildmotiv

findet, fertigt er eine rasch vollendbare Temperaskizze an, und diese Skizzen verarbeitet er dann daheim
imAtelierzuPinselradierungen. Selbstverständlich wächst mitjedemJahr seine Übung und seine Kennt-
nis der Technik. Zu bemerken ist, daß in den neueren Arbeiten auch die zeichnende Nadel wieder teil-
weise in ihr Recht tritt; mindestens wird eine Verbindung von Linear- und Flächenstil mittels der
Schraffiertechnik des »vernis mou« angestrebt. Trotz aller Leidenschaft fürs Handwerkliche kennt aber
Figura dessen Grenzen. Nie strebt er danach, die Aquarellwirkung seiner Blätter zu beeinträchtigen
durch Anpassung derFarbenskala an denverlockendenKupferton derPlatte,nie findet sichbei ihmjenes
metallische Braunrot, Grün oder Tiefschwarz, das einen sonst so oft an Farbradierungen stört. Sein
Kolorismus bleibt stets geschmackvoll und unaufdringlich. Äußerlich gesehen ist mit dem zuneh-
menden Ausmaß seiner Weltkenntnis auch das Format der Blätter gewachsen. Freilich ist er uns künst-
lerisch nicht immer da am nächsten, wo er in die Ferne schweift und im großen Stil arbeitet; viel inner-
licher packt er uns dort, wo er ganz in österreichischer Stimmung, in heimatlicher Lyrik aufgeht.

Ganz kurz sei zum Schluß noch die kunstgeschichtliche Stellung Figuras relativ zu Kasimir
gestreift, dem Altmeister farbiger Graphik in Österreich. Selbstredend darf hier nicht gewertet und
gewogen werden. Es sei nur darauf hingedeutet, daß bei Kasimir das zeichnerische, bei Figura das
malerische Element überwiegt. Kasimir ist Radierer schlechthin, Figura dagegen bevorzugt die
Aquatinta. Vielleicht daß Figura seinerzeit vorübergehend durch Kasimirs Arbeiten angeregt wurde.
Heute steht er jedoch völlig selbständig da, ja er macht selber Schule, freilich ohne daß ihn einer
seiner Nachahmer auch nur annähernd erreichen würde. Karl Pichl.

Die Wiedergabe der Radierungen erfolgte mit Genehmigung des Kunstverlages Fritz Mandel, Wien.

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