Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 54.1931

Seite: 57
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KARL RÖSSING.

Zweiter Kriegswinter - - Ausstellung der Zeichenklasse des Gmundner Gymnasiums zu-
gunsten des Roten Kreuzes. Es fallen in dem dilettantischen großtuerischen Wust einige kleine
Holzschnitte und Linoleumschnitte eines K.Rössing auf, der mit seinen alten Mitschülern noch
ausstellte, nachdem er ein Jahr vorher an die Kunstgewerbeschule nach München zu F. H. Ehmcke
übersiedelt war. Ergreifend, mit welcher künstlerischen Kraft die unscheinbaren Dinger sich aus
der Umgebung herausheben. Meine Kinder vermittelten mir in den Ferien die Bekanntschaft des
Künstlers, die sich zu einer dauernden Freundschaft entwickelte, aus 'der ich den beglückenden
und vertrauensvollen Anschluß an die junge Bewegung und Entwicklung der modernen Kunst
schöpfte, die sonst uns Alteren so leicht fremd und verschlossen bleibt.

Für ein Hausmärchenbuch, das ich meinen Kindern geschrieben, schnitt er dann (1917)
24 Initialen und Titelblatt (erschien 1920 im Furche-Verlag). Dann sah ich ihn wieder am Kriegsende
im Xotreservespital Gmunden, zusammengebrochen und elend. Er zeigte einzelne kleine Blätter,
auch Lithographien. In allem, in den Initialen zu den Kugler-Märchen ganz besonders betont, aber
auch in seinen Holzschnittlandschaften der Wille zum Typischen und Einfachen. In diesem ersten
Nachkriegsjahr zeichnete er auch viel mit lithographischer Kreide nach der Natur und eine Folge
von 16 Steinzeichnungen zu »den beiden Wanderern« der Brüder Grimm. Gleichzeitig entstehen
die Schnitte zum Münchhausen (erschien im Hyperion-Verlag 1920) und zeigen die mehr zeichnerische
Art gegenüber den Initialen der Hausmärchen, in denen spärliches Weiß, mit dem Stichel heraus-
gehoben, die wuchtigen Initialen mit geheimnisvollen Helldunkellandschaften umrahmt. In den
Schnitten zu Münchhausen dokumentiert sich eine Phantasie, die wie der Traum des Kindes vor
nichts haltmacht und immer wieder den beglückenden Traum in die einfachste Form zwingt. In
den Jahren 1920 bis 1925 entstehen nun nacheinander die weiteren Illustrationswerke: H. de Balzac,
»Jesus Christus in Flandern« (Kiepenheuer-Verlag 1921), Gottfried Keller, »Der Schmied seines
Glückes« (Insel-Verlag 1921), E. Th. A. Hoffmann, »Die Brautwahl« (F. L. Habbel-Verlag 1921),
N.Gogol, »Taras Bulba« (Rikola-Verlag 1922),N.Ljesskow, »Pawlin« und »DerGauklerPamphalon«
(Orchis-Verlag 1922 u. 1923), M. Kusmin, »Die Reisen des Sir John Fairfax« (Orchis-Verlag 1923),
Fritz Reuter, »Hanne Nüte un de lütte Pudel« (Avalun-Verlag 1923), G. Schwab, »Die Schildbürger«
(Euphorion-Verlag 1924), F. M. Dostojewskij, »Weiße Nächte« (Orchis-Verlag 1923), Georg
Terramare, »Ein Spiel vom Tode« (Rikola-Verlag 1923), Josephus Flavius, »Die Belagerung und
Erstürmung Jerusalems« (Recht-Verlag 1923), L. N. Tolstoi, »Legenden« (Musarion-Verlag 1925),
H. Watzlick, »Stilzel, der Kobold des Böhmerwaldes« (Eugen Diederichs-Verlag 1925). Diese
illustrativen Werke rückten ihn in die erste Reihe der deutschen Buchgraphiker und boten ihm neben
seiner Lehrtätigkeit — er war im Frühjahr 1922 als Lehrer an die Kunstgewerbeschule in Essen
berufen worden - ein reiches Feld künstlerischer Betätigung. Wenn man dieses Illustrationswerk

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