Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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GEORG EHRLICH: AQUARELLE AUS DER HEIMAT.

»Ich möchte die Donau malen zu jeder Jahreszeit, in jedem Monat möchte ich sie malen«,
sagte der Künstler; er stand bis zu den Knöcheln im feuchten Schnee, als er es sagte. Doch als der
Frühling kam, ein später Frühling, der fast schon als fertiger Sommer einzog, da lag er draußen
auf der Uferböschung und schaute in die Luft. Es war viel schöner zum Schauen, zum Atmen, zum
Leben, da wollte er nicht malen. Als aber der Sommer dann richtig da war, reiste der Künstler von
Wien fort; in die Alpen, an die Seen, schließlich ans Aleer hinunter; die Sehnsucht nach immer
stärkeren Farben trieb ihn in den Süden. Im Oktober erst kehrte er zurück. Er ging wieder hinaus
in den Wienerwald, an die Donau. »Hier allein ist doch meine Landschaft«, sagte er. Von der
nebelgetränkten Erde stieg es schon kalt auf.

So entstanden diese Aquarelle1; an einem späten Oktobertag, das Laub hing noch an den
Büschen; im November, wenn die Tropfen an den schwarzen Zweigen zusammenliefen, im Winter-
frost und an den ersten Vorfrühlingstagen.

Es gibt Menschen, die auf uns wirken, weil sie neu sind und weil sie dennoch in einer
Schicksalsstunde den weiten Weg vom Fremdsein zur Nähe im Sprunge zu uns nehmen konnten —
und es gibt Menschen, die still und treu neben uns leben, die vielleicht sogar schon lange in uns
leben, bis wir einmal in tiefer Ergriffenheit sie uns zugehörig fühlen. Es gibt auch eine Landschaft,
die den Künstler anregt und aufregt, weil sie anders ist, als die, die ihn täglich umgibt, die ihn hin-
reißt, weil er nie eine ähnliche gesehen — und es gibt eine Landschaft, die er nie sieht, weil er sie
immer sieht, die ihn erfüllt in seinen feinsten Nerven, ohne daß er es weiß, die in ihm lebt, weil sie
mit ihm sein Leben lebt, bis er sie eines Tages endlich sieht und sie gestalten muß als das Innigste
in ihm, als den Kern seines Wesens, als sein Wesen selbst. Das ist dann die heilige Stunde, in der
sich Heimat und Künstler vermählen.

Der Künstler ist kein Jüngling mehr; dieser suchte noch die überraschende Klarheit des ersten
Blicks in die Fremde, dieser reiste noch dem Glück entgegen. Der Künstler, der seine Heimat ent-
deckte, ist zum Mann gereift. Wer ist in dieser Ehe der Gebende, wer der Empfangende? Gewiß,
der Künstler dankt der Heimat sich selbst, aber indem er sie festhält in der Erscheinung, wird er
wieder ihr Schöpfer. lTnd wir — wir sehen dann die Heimat mit den Augen des Künstlers, unseres
Künstlers, das ist jenes, der die Gabe hat, unsere Augen sehen zu lehren. Altdorfer hat die Donau bei
Sarmingstein gezeichnet (Budapest, Museum der schönen Künste), das war im Jahre 1511, aber heute
noch können wir es nachfühlen, wie ihn der Landschaftseindruck überkam. Die Felsen an den beiden
Ufern drängen zueinander, sie schieben das Flußbett dazwischen hin und her, riegeln fast den Wasser-
lauf ab, daß er nicht aus kann; auch draußen, wo es breiter wird, zuckt noch die Erregung nach, spritzen

i Von den etwa zwei Dutzend Blättern, die 1928 und 19211 entstanden sind, werden vier Beispiele abgebildet, die durch die Schwarz-Weiß-
Wiedergabe an malerischem Reiz vielleicht weniger verlieren dürften als andere. Die Vergleichung der Abbildungen mit den Originalen ergibt
aber un/.ahlige Unterschiede; alle zarte Ferne wirkt im Klischee schwer; das HUtteldorfer Aquarell mit dem Haus ist ganz hell, ganz leicht und
silbrig, das andere Hiitteldorfer Blatt düster — in der Abbildung haben sie beide den gleichen Ton. So dürfen die Reproduktionen bloß als
Symbole der Originale genommen werden.

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