Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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Tschi-Bai-Shi, Ein Blatt aus dem Zyklus »Blumen und Insekten«

Aquarell.

VON MODERNER OSTASIATISCHER KUNST.

I. DER CHINESISCHE MALER TSCHI-BAI-SHI.

Soll ich für europäische Leser eine Betrachtung über einen chinesischen Maler schreiben, so
sehe ich mich genötigt, ein paar allgemeine Worte über die chinesische Malerei zu sagen.

Die Blütezeit der chinesischen Malerei war zur Zeit der Dynastien Tang und Sung. Danach
folgte bereits der Verfall. Diese Kunst schritt aber noch tapfer weiter, bis die letzten Jahrhunderte
die ehinesische Malerei völlig zum Stillstand brachten. Eine Ermüdung trat ein! Obgleich zur Zeit
der Dynastien Ming undMandschu große Künstler lebten, erstarrte die chinesische Malerei und verfiel
dem bloßen Kopieren alter Meister.

Man muß sich ein Land vorstellen, wo der Kunststudent nicht nach dem Modell malt, sondern
durch Kopieren von Bildern seiner Lehrer oder von Klassikern der Malkunst lernt. Das Kopieren ist
wörtlich gemeint: es legt wirklich der Schüler auf das Bild, das als Vorlage dient, ein dünnes Papier,
das das unterlegte Bild durchschimmern läßt, und zieht darauf mit Tusch die Umrisse nach. In
China, wo ganze Künstlergenerationen die alten Meister direkt kopierten, und zwar so getreu, daß
viele populäre Bilder einige zehn, ja Hunderte von Exemplaren erreichten, von denen zu unserer

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