Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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Zeit nur durch spezielle Kenntnis (insbesondere der
Siegel) das Original von der Kopie unterschieden
werden kann.

Also in einem konservativen Milieu, wo noch
vor wenigen Jahren die allgemein herrschende An-
sicht den Künstler nötigte, die von den verschiedenen
alten Schulen aufgestellten Regeln streng einzuhalten,
wie zum Beispiel Regeln über die Anordnung von
Einzelheiten in einem Bilde, von vorgeschriebenem
Kolorit, von bestimmtem Rhythmus der Linien, von
den erhabensten Lagen der Blumen, von Bewegungen
der Figuren usw.

«i X^jflf ,*£3f *Jk In dieser Umwelt von Konservatismus, die keine

► m '%. • Änderung der allgemein festgesetzten Ansichten zu-

ließ, wuchsen auf einmal zwei Apostel auf, die einen
neuen Glauben predigten, zwei Revolutionäre gegen
die Gepflogenheit des Kopierens:

Wu Chang-Shi aus Shanghai und Tschi-Bai-Shi
aus Hönau. Die Bilder des Erstgenannten dienten
seiner eigenen Familie eine Zeitlang zum Auskleben
jy* dfiy'^W^jt" Nlj« c'er Fenster (m China wurde in den Fenstern anstatt

V* ^fff' ^&£'.JhßTmMi i * flL Glas Papier benützt). So wurde dieser Stürmer und

Dränger verspottet und verachtet, um erst am Abend
seines Lebens anerkannt zu werden, hauptsächlich
dank dem fortschrittlicheren Japan. Es waren auch
japanische Kunstfreunde, die ihm nach seinem Tode
in Shanghai ein Denkmal errichten ließen.

Sein jüngerer Genosse Tschi-Bai-Shi brachte
diese neue Richtung zu solcher Höhe, daß der Kunst-
historiker sagen kann: Wu Chang-Shi, den nicht nur
die Chinesen, sondern auch die Japaner, als den
»Heiligen« der ostasiatischen Kunst verehren, hat die
künstlerische Revolution angefangen und Tschi-Bai-
Shi hat sie vollendet.

Tschi-Bai-Shi wurde in der Provinz Hönau ge-
boren und ist heute 74 Jahre alt. (Die Chinesen rechnen
von der Zeit der Empfängnis an und nicht wie wir,
von dem Tage der Geburt.) In der Jugend lernte er
Holzschnitzen, und man behauptet von ihm, daß ihn
• sein alter Lehrer der Malerei Hsia oft schlug, weil der

Tusch und Aquarell, junge Tschi nicht so malen wollte, wie es sein alter
Meister wünschte. Mit der Schnitzerei erklären viele
seine fabelhaft sichere Hand. Heute lebt er in Peking, ein biederer Alter, der wie ein Fünfzigjähriger
aussieht, der sich sein ganzes Leben lang nie befehlen ließ, was er malen sollte. Nicht nur sein

Tschi-Bai-Shi, Im Frühling.

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