Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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ZUR GRAPHIKAUSSTELLUNG IM WIENER
»HAGENBUND« (DEZEMBER 1930).

Wir müssen uns die Frage vorlegen, ob wir berechtigt sind, von einer Graphik des zwanzigsten
Jahrhunderts, von einer Graphik der Nachkriegsjahre überhaupt, zu sprechen; ob im Wechselspiel der
Richtungen, von denen die heutige Kunst beherrscht wird, ein Platz für diejenige Gattung bleibt, die
den nahezu intensivsten Ausdruck und daneben die intimste Gestaltung jeden Vorwurfes gestattet
und die durch ihre äußere Anspruchslosigkeit größter Verbreitung sicher sein sollte. Auf dem Wege
von der Graphik als eng zusammenhängendem Buchbestandteil zur Graphik als einzelnem Kunstobjekt
haben wesentliche Charakteristika sich gewandelt, sind geschwunden, durch neue ersetzt worden.
Die reine, ursprünglichste Form, die Druckgraphik, ist einem, wenn auch mittelbaren Zweck immer
nahegestanden. Dies war vor fünf Jahrhunderten der Fall und ist es heute noch. Heute aber, und
dies nicht nur in Hinblick auf die hier zu besprechende Ausstellung, vereinigen wir weit mehrere
Kunstgattungen unter dem Sammelbegriffe der Graphik, der wesentlich erweitert wurde. Wir denken
nämlich nicht allein an die der Vervielfältigung zugänglichen künstlerischen Ausdrucksarten, sondern
an alle, die Grundlage, Nerv für repräsentatives, großformiges Schaffen sein können und wollen.
Neben Kupferstich, Holzschnitt, Lithographie fallen für uns alle Arten der Stift-, Feder- und Pinsel-
zeichnung — einmalige, nicht reproduzierte Schöpfungen — in die Spezies Graphik.

Schon bei einer flüchtigen historischen Betrachtung ergibt sich uns, daß die Graphik oft
— nicht immer— stärker war in Epochen, in denen der Schwerpunkt der Bildkunst vom Malerischen,
Verschwimmenden, Räumlichen auf das Zeichnerische, exakt Umgrenzte, Flächige verlegt war. Süd-
lichen, auf Wiedergabe atmosphärischer Phänomene eingestellten Landstrichen waren Kupferstich,
Holzschnitt, Zeichnung als Selbstzweck immer fremder als den nordischen, kälteren, in denen der
Blick mehr auf das näherliegende, unmittelbar räumlich und plastisch faßbare Objekt gerichtet war. Wo
es sich nicht um eine graphische Kunst handelt, die, wie etwa die Buchillustration Gebrauchswerte
schafft, ist die Ausdrucksform nicht unwesentlichen Schwankungen unterworfen, die denen der
Malerei, dem rhythmischen Wechsel der malerisch,beziehungsweise zeichnerisch orientierten Epochen
angemessen sind. Jede Äußerung des Graphikers kennt demgemäß Modifikationen — vom Kupferstich
bis zur Lithographie —, die einem stärkeren Zug zur Linie oder zur Fläche entsprechen. Man kann
der Ansicht sein, daß in der Graphik der Kunstgattung, deren Eigenart darin liegt, daß sie in letzter
Linie immer noch als Entwurf gedacht und angewandt werden kann, das Individuelle einer künst-
lerischen Epoche, das Bezeichnende, ohne das sozusagen offizielle und repräsentative Gewand zu
erkennen ist, schon daraus, daß Werke der Graphik häufiger oder weniger häufig, dem Gesamt-
charakter adäquat, auftreten.

Die in Rede stehende Hagenbund-Ausstellung erweist, daß die Druckgraphik in ihrer eigensten
Ausprägung, dem Kupferstich, unserer Zeit fernesteht. Nicht ohne Grund. Nicht so sehr vom

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